refugio thüringen e.V. betreibt seit 2006 ein Psychosoziales Zentrum für Geflüchtete und Überlebende von Folter. An den Standorten in Jena, Erfurt, Nordhausen und Suhl versorgen haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter landesweit traumatisierte und/oder psychisch erkrankte Geflüchtete, Überlebende von Folter und Betroffene von Menschenhandel.
2006
In den letzten Jahren konnten jährlich etwa 600 geflüchtete Menschen an den Standorten Jena, Erfurt, Nordhausen und Suhl begleitet werden.
27 (Stand Januar 2026)
Carolin Kremer-Ebenau ist Geschäftsführerin des Trägervereins refugio thüringen e.V. in Jena. Geschäftsführerin des Trägervereins refugio thüringen e.V. in Jena
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REFUGIO Thüringen kämpft um verlässliche Finanzierung für psychosoziale Hilfe
Damit traumatisierte und psychisch erkrankte Geflüchtete eine niedrigschwellige Form der Hilfe erhalten, betreibt der gemeinnützige Verein refugio thüringen e.V. seit 2006 das „Psychosoziale Zentrum für Geflüchtete und Überlebende von Folter – REFUGIO Thüringen“. In den letzten Jahren konnten jährlich etwa 600 geflüchtete Menschen an den Standorten Jena, Erfurt, Nordhausen und Suhl begleitet werden. Doch die Finanzierung durch meist eher kurzfristige Projektmittel erschwert die therapeutische und psychosozialberaterische Behandlung enorm.
Rund 30 Prozent der Geflüchteten leiden an einer Traumafolgestörung. Dazu zählen beispielsweise die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) sowie depressive Erkrankungen. Das berichtet die „Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer“ (BAfF) unter Verweis auf internationale Studien.
Asylbewerber*innen können nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen. Diese beschränken sich während der ersten 36 Monate ihres Aufenthalts jedoch auf die Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände. Nur geflüchtete Menschen aus der Ukraine haben derzeit noch sofortigen Zugang zur Regelversorgung über die gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Dessen ungeachtet finden nur die wenigsten professionelle Unterstützung durch niedergelassene Therapeut*innen. Denn selbst in Städten und Landkreisen, in denen zumindest auf dem Papier ausreichend Kapazitäten vorhanden sind, verwehren vielfältige Barrieren den Zugang zum Regelsystem. Psychosoziale Zentren wie REFUGIO Thüringen leisten daher einen bedeutsamen Beitrag zur Versorgung.
Multiprofessionelles Hilfekonzept
In Thüringen ist REFUGIO das einzige Psychosoziale Zentrum (PSZ) für Geflüchtete und Überlebende von Folter. Ein spezifisches Merkmal des Versorgungskonzepts ist die multiprofessionelle Arbeitsweise nach dem Tandem-Prinzip. Es verbindet bedarfsorientierte psychologische und therapeutische Interventionen mit Sozialberatung. Sofern keine muttersprachlichen Therapie- und Beratungsgespräche durchgeführt werden können, werden zur Unterstützung kultursensible Sprachmittler*innen einbezogen. Das Angebotsspektrum von REFUGIO umfasst unter anderem Erst- und Clearinggespräche, Einzel- und Gruppentherapieangebote, psychologische Untersuchungen, Beratungsgespräche und Krisenintervention. Hinzu kommen Konfliktbewältigung, Psychoedukation sowie das Verfassen von Befundberichten und Stellungnahmen. „Psychosoziale Beratung leisten auch andere Akteur*innen, aber nur REFUGIO bietet Geflüchteten Therapie an“, stellt die Geschäftsführerin des Trägervereins, Carolin Kremer-Ebenau, klar.
Geflüchtete leiden unter multiplen Belastungen
46 Prozent der Klient*innen von REFUGIO kamen 2023 aus der Ukraine, 14,5 Prozent aus Afghanistan und rund 7 Prozent jeweils aus Syrien und dem Iran. Sie leiden unter vielfältigen und oftmals schwerwiegenden Belastungen. Diese äußern sich beispielsweise in Ängsten, Flashbacks, Schlafstörungen oder psychosomatischen Beschwerden wie Rücken- oder Kopfschmerzen. Ein ungeklärter aufenthaltsrechtlicher Status, Sorgen um ihre Familien im Herkunftsland sowie ein Mangel an Privatsphäre in einer Aufnahmeeinrichtung oder Gemeinschaftsunterkunft tragen oftmals dazu bei, die negative Gefühlslage zu verstärken. „Die Betroffenen zunächst zu stabilisieren, eben auch durch Sozialberatung, ist vielfach zentrale Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie“, erklärt Carolin Kremer-Ebenau.
Ein einschneidendes Beispiel dafür ist der Fall einer 48-jährigen Klientin aus Afghanistan, die mit ihren zwei Kindern in Deutschland Schutz vor ihrem drogenabhängigen Ex-Ehemann gesucht hat. Dieser misshandelte sie nicht nur schwer, sondern zwang sie auch zur Prostitution. Bis heute erpresst er sie mit dem Videomaterial der Vergewaltigungen. Als Folge davon entwickelte die Frau eine posttraumatische Belastungsstörung, eine Depression und Angststörungen. Lange war sie nicht in die Lage, allein einkaufen zu gehen. Durch die Begleitung von REFUGIO gelang es ihr, viele ihrer früheren Fähigkeiten zurückzugewinnen. Das änderte sich, als ihr Antrag auf Asyl zum zweiten Mal abgelehnt wurde. „Seitdem hat sich ihr psychischer Zustand wieder deutlich verschlechtert“, berichtet Carolin Kremer-Ebenau, denn: „Im Fall einer Rückkehr wäre ihr Leben in Gefahr.“ Gerade angesichts derartiger Schicksale hält Kremer-Ebenau die aktuellen Verschärfungen der deutschen Migrationspolitik für problematisch.
Bessere psychosoziale Versorgung Geflüchteter in ganz Thüringen angestrebt
Über die direkte Arbeit mit den Klient*innen im PSZ hinaus hat sich der Verein zum Ziel gesetzt, auf eine bessere psychosoziale Versorgung Geflüchteter in ganz Thüringen hinzuwirken. „Die Betroffenen brauchen eine echte Chance auf gesellschaftliche Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben, wofür psychische Gesundheit eine wichtige Voraussetzung ist“, sagt die Geschäftsführerin.
Dass die Thüringer Landesregierung mit der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) einen unbürokratischen Zugang zu Gesundheitsleistungen für Geflüchtete geschaffen und zudem das Landesprogramm Dolmetschen aufgelegt hat, wertet Carolin Kremer-Ebenau als wichtige Ressource. Doch leider zeige sich auch in Thüringen, dass diese Maßnahmen allein nicht ausreichten, um mehr Geflüchtete ins Regelsystem zu vermitteln. Denn es gebe noch etliche weitere Hürden wie etwa die erhöhte Behandlungskomplexität sowie soziokulturelle Vorbehalte. Dem versuche REFUGIO durch Bildungsangebote für Fachkräfte als auch für Geflüchtete entgegenzuwirken. Die von der Landesregierung geplante Einführung eines Screenings besonderer Schutzbedarfe in Erstaufnahmeeinrichtungen hält sie ebenfalls grundsätzlich für sinnvoll. Allerdings müsse es im Bedarfsfall weitergehende Hilfen geben. Ein Beispiel: „Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sollte man nicht in Regionen mit schlechten Versorgungsmöglichkeiten und genauso wenig in Sammelunterkünften unterbringen.“
Auch in Thüringen ist die psychosoziale Versorgung in den größeren Städten tendenziell besser als in ländlicheren Regionen. Umso wichtiger sei es, die lokale Akteur*innen durch Schulungen für die spezifischen Bedarfe Geflüchteter zu sensibilisieren sowie Qualitätsstandards insbesondere im Bereich der Sprach- und Kulturvermittlung zu etablieren. Überdies könnten durch einen verbesserten Austausch vor Ort vorhandene, aber für die Versorgung Geflüchteter noch ungenutzte Potenziale identifiziert und gehoben werden.
Projektbasierte Finanzierung erschwert die Arbeit enorm
Für die Mitarbeitenden von REFUGIO ist die intensive Auseinandersetzung mit Geschichten von Flucht, Folter und sexuellem Missbrauch äußerst kräftezehrend. „Die zeitlich meist auf ein bis drei Jahre befristete Finanzierung unserer Arbeit durch Projekte setzt dem Team ebenfalls zu“, unterstreicht die Geschäftsführerin des Vereins. Denn das therapeutische und psychosozialberaterische Angebot hängt fast ausschließlich von Fördergeldern seitens der EU, des Bundes und des Landes ab. Auch andere Projektförderungen, wie zum Beispiel von der UNO Flüchtlingshilfe, Aktion Mensch und der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland, konnte der Verein, der Mitglied der Diakonie ist, wiederholt erfolgreich akquirieren. Doch häufig sind erhebliche Vorfinanzierungen zu stemmen und der Zeitbedarf von Antragstellung bis Bewilligung ist schwer vorherzusehen, sodass die Projekte nicht immer nahtlos ineinander übergehen.
Aktuell sieht sich der Verein mit besonders großen Herausforderungen konfrontiert: Durch eine im August 2025 überraschend geänderte Verteilungsstruktur bei EU-Mitteln musste damit gerechnet werden, dass 2026 nur noch maximal ein Drittel der bisherigen Fördersumme zur Verfügung stehen würde. Doch Anfang Dezember signalisierte die thüringische Landesregierung ihre Bereitschaft, die wegbrechenden EU-Mittel 2026/27 durch Landesmittel zu kompensieren. Parallel entstand eine Initiative im Erfurter Stadtrat, die Förderung der zuletzt über die EU-Mittel finanzierten erfolgreichen Kooperation von REFUGIO mit der Regelschule „Thomas Mann“ in Erfurt zu übernehmen. Wenige Tage vor Weihnachten haben Landtag und Stadtrat für beide Vorhaben grünes Licht gegeben. Bittere Konsequenzen gibt es trotzdem: Von den 43 Mitarbeitenden, die der Verein bis Ende 2025 hatte, sind aktuell nur noch 27 an Bord, teilweise mit erheblich reduzierten Stundenzahlen. Zahlreiche Therapie- und Beratungsprozesse mussten zum Jahresende vorzeitig beendet werden. Bis auf Weiteres können somit viel weniger Geflüchtete betreut werden.
Therapien bei schwer traumatisierten Menschen sind vielfach langwierige Prozesse und lassen sich nicht an relativ kurze Projektlaufzeiten binden. Umso wünschenswerter wären Lösungen zu einer langfristigen und verlässlichen Finanzierung der Psychosozialen Zentren, so Carolin Kremer-Ebenau. Sie hofft dabei auch auf einen Schulterschluss mit den berufsständischen Vertretungen, denn: „Psychosoziale Zentren wie REFUGIO Thüringen sind keine Konkurrenz, sondern eine auch künftig notwendige Ergänzung zum Regelsystem.“