11.10

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

der Wirtschaftskrise und allen Berichten über schwierige Perspektiven zum Trotz blicken Jugendliche mehrheitlich optimistisch in die eigene Zukunft. Mit den Herausforderungen in Alltag, Beruf und Gesellschaft gehen sie pragmatisch um. Prägend für die junge Generation sind insbesondere eine starke Leistungsorientierung und ein ausgeprägter Sinn für soziale Beziehungen. Deutliche Unterschiede in einer Reihe von Einschätzungen lassen sich an der sozialen Herkunft der Jugendlichen festmachen. Zu diesen Erkenntnissen kommt die 16. Shell Jugendstudie 2010. Die Studie, die alle vier Jahre durchgeführt wird, stützt sich auf eine repräsentativ zusammengesetzte bundesweite Stichprobe von 2.604 Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren. Sie wurden von der TNS Infratest Sozialforschung zu ihrem Interesse an Politik und zu Themen wie Globalisierung, Bildung, Religion, Familie oder sozialem Engagement befragt. Einige Ergebnisse:

Der Anteil der politisch Interessierten ist im Vergleich zu 2002 und 2006 leicht angestiegen. Insbesondere die Jüngeren (12 bis 17 Jahre) interessieren sich wieder mehr für Politik. Dagegen war bei den 18- bis 25jährigen kein Anstieg zu verzeichnen. Die Mehrheit der Jugendlichen ordnet sich nach wie vor politisch etwas links von der Mitte ein. Beim Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen gab es unverändert hohe Werte für Polizei, Gerichte, Bundeswehr sowie Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen, niedrige für die Bundesregierung, die Kirche, große Unternehmen und Parteien. Auffällig ist ein ausgeprägter Missmut gegenüber Wirtschaft und Finanzen.

Im Vergleich zu früher sind mehr Jugendliche sozial engagiert: 39 Prozent setzen sich häufig für soziale oder gesellschaftliche Zwecke ein. Dabei sind Aktivität und Engagement bildungs- und schichtabhängig. Je gebildeter und privilegierter die Jugendlichen sind, desto häufiger sind sie aktiv.

Im Bereich Bildung bleibt weiterhin der – in Deutschland stark von der sozialen Herkunft abhängige -Schulabschluss der Schlüssel zum Erfolg. Entsprechend pessimistisch blicken Jugendliche in die Zukunft, die sich unsicher sind, ihren Schulabschluss zu erreichen. Die Auszubildenden dagegen sind viel optimistischer als in den letzten Jahren, nach der Ausbildung übernommen zu werden. Auch beim Berufswunsch gibt es eine positive Entwicklung: 71 Prozent der Jugendlichen sind überzeugt, sich ihre beruflichen Wünsche erfüllen zu können. Bei Jugendlichen aus sozial schwierigen Verhältnissen sind dies allerdings nur 41 Prozent.

Der persönliche Erfolg in einer Leistungs- und Konsumgesellschaft ist für Jugendliche sehr wichtig. Aber neben der Leistung darf auch der Spaß nicht zu kurz kommen: 57 Prozent wollen ihr Leben intensiv genießen. Es geht ihnen nicht nur um das persönliche Vorankommen, sondern auch darum, ihr soziales Umfeld aus Familie, Freunden und Bekannten zu pflegen. Auffallend ist, dass die Jugendlichen sozialmoralische Regeln einfordern, die für alle verbindlich sind.

Die Bedeutung der Familie für Jugendliche ist weiter angestiegen. 76 Prozent der Befragten stellen für sich fest, dass man eine Familie braucht, um wirklich glücklich leben zu können. Das bezieht sich nicht nur auf die Gründung einer eigenen Familie, sondern auch auf die Herkunftsfamilie. Diese bietet gerade in Zeiten gestiegener Anforderungen in Schule, Ausbildung und den ersten Berufsjahren Rückhalt und emotionale Unterstützung. Zugenommen hat auch der Wunsch nach eigenen Kindern. 69 Prozent der Jugendlichen wünschen sich Nachwuchs. Erneut äußern junge Frauen (73 Prozent) diesen Wunsch häufiger als junge Männer (65 Prozent).

Die Globalisierung wird von Jugendlichen in Deutschland meist eher positiv bewertet. 84 Prozent verbinden sie an erster Stelle mit der Freiheit, in der ganzen Welt reisen, studieren oder arbeiten zu können. Aber auch die Verbindung mit wirtschaftlichem Wohlstand und mit Umweltzerstörung ist heute häufiger zu finden als in früheren Untersuchungen.

Ein Thema, das Jugendliche stark beunruhigt, ist der Klimawandel. 76 Prozent halten ihn für ein großes oder sogar sehr großes Problem. Zwei von drei Jugendlichen sehen durch den Klimawandel sogar die Existenz der Menschheit bedroht. Ein Teil der Jugendlichen zieht inzwischen persönliche Konsequenzen und achtet auf ein umweltbewusstes Verhalten oder engagiert sich für den Umweltschutz.

Die Ergebnisse der Shell Jugendstudie machen Mut: Weder lassen sich die Jugendlichen durch die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise entmutigen, noch von einer überwiegend negativ geprägten Medienberichterstattung über Jugendliche und ihre Perspektiven z. B. auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft. Allerdings gilt dies nicht für alle Jugendlichen in gleicher Weise: Der Optimismus ist nur in der Ober- und Mittelschicht gestiegen.

Ihre Redaktion

Weitere Informationen zur Shell Jugendstudie 2010, Bestellmöglichkeiten etc. sind unter http://www.shell.de/home/content/deu/aboutshell/our_commitment/shell_youth_study/ zu finden.


Gesundheitswirtschaft

Für eine stärker patientenorientierte Gesundheitswirtschaftspolitik

Die Gesundheitswirtschaft nimmt längst eine Schlüsselstellung für Lebensqualität, Beschäftigung und Wachstum ein. Sie zielt darauf ab, das Verhältnis von „Gesundheit“ und „Wirtschaft“ zum Nutzen der Gesellschaft insgesamt zu gestalten. Gerade deshalb muss der Mensch stärker in den Mittelpunkt gerückt werden. Eine deutliche Verbesserung der Nutzer- und Patientenorientierung ist im Interesse der Zukunft unerlässlich. „Berücksichtigung von Patienteninteressen“ und „konsequente Orientierung an der Ergebnisqualität“ sollten den Maßstab für Innovationen setzen. Diese Schlussfolgerung ziehen Wissenschaftler des Instituts Arbeit und Technik (IAT; http://www.iatge.de/) an der Fachhochschule Gelsenkirchen aus ihren Forschungen zur Gesundheitswirtschaft in Nordrhein-Westfalen, die heute mehr als eine Million Menschen beschäftigt und einen Umsatz von 57,6 Milliarden Euro (2009) erzielt. Ihre Erkenntnisse zu den „für die Zukunft besonders zentralen und viel versprechenden Gestaltungsherausforderungen und Gestaltungschancen“ formulieren die Wissenschaftler wie folgt:

Ein tragfähiges Zukunftsmodell entwickeln!

In Nordrhein-Westfalen sei die Gesundheitswirtschaft „eines der wichtigsten Gestaltungsfelder für eine integrierte Sozial-, Wirtschafts- und Innovationspolitik“. In Zukunft gelte es, die Versorgung weiter zu verbessern und die „Zugänge aller Teile der Bevölkerung zu passgenauen Gesundheitsangeboten“ zu erleichtern, „Über-, Unter- und Fehlversorgung“ vor Ort zu minimieren und die Versorgungsqualität zu erhöhen. Mit Hilfe der Forschung sollten neue Wege der Gesunderhaltung und Heilung geschaffen werden, die nach erfolgreicher Entwicklung und Erprobung auch möglichst schnell Eingang in die „Breitenversorgung“ finden müssten. Es gelte, den Wirtschaftsstandort NRW „durch Impulse für ´mehr Gesundheit´ gezielt zu stärken“.

Die Gesundheitspolitik müsse darauf hinwirken, dass

  • „Qualität und Effizienz in den Gesundheitseinrichtungen gesteigert werden können“,
  • „in der Wissenschaft wie in der Praxis die Suche nach innovativen Leistungen und Angeboten gesteigert wird“,
  • „aus gesundheitswirtschaftlichen Randbereichen (etwa Gesundheitstourismus im Naherholungsbereich oder auch Betreutes Wohnen) neue Impulse kommen, um auch privat finanzierte Nachfrage nach solchen Gesundheitsangeboten anzusprechen“,
  • „Nordrhein-Westfalen sich national und international als Investitions- und Innovationsstandort für ´mehr Gesundheit´ empfiehlt“,
  • „Anforderungen an das Erneuerungsgeschehen wissenschaftlich fundiert hergeleitet werden“,
  • „ein systematischer Austausch über innovative und realisierbare Lösungen erfolgt“.

In der Vergangenheit, so konstatieren die Wissenschaftler, seien viele der gesundheitspolitischen Erneuerungen eher daran ausgerichtet gewesen, „politische Unstimmigkeiten und akute Finanzierungsprobleme im Gesundheitssystem auszubügeln“. Eine konsequente Ausrichtung auf die Nutzer- und Patienteninteressen sei „allenfalls in Einzelfällen“ gelungen. In Zukunft könne jedoch „eine vernünftige Weiterentwicklung des Gesundheitssystems“ nur noch gelingen, „wenn dieser Gegensatz zwischen ´dem System´ und ´den Patienten´ überwunden wird“. Hierzu gehöre insbesondere, „dass eine integrierte menschliche Ansprache der im Krankheitsfall oft stark verunsicherten Betroffenen gewährleistet“ werde. Gleichzeitig sei zu beachten, „dass die Qualifizierungs- und Arbeitsbedingungen in den Gesundheitseinrichtungen attraktiv genug sind, um in Zukunft, bei einem knapper werdenden Arbeitskräftepotenzial, hinreichend Personal zu finden“. Die Wissenschaftler zeigen detailliert auf, dass „aufgrund des bisherigen Entwicklungspfads“ in NRW gute Voraussetzungen vorlägen, „um die anstehenden Zukunftsaufgaben zu meistern“.

Was zeigt der „Blick über den Tellerrand“?

Das Studium von Erfahrungen der „gesundheitswirtschaftlichen Innovations- und Gestaltungspraxis einschlägig aktiver Regionen und Länder außerhalb NRWs“, insbesondere der Blick auf die dortigen „Steuerungs- und Kooperationsstrukturen“ zeigten eine Reihe von Herausforderungen:

  • Es gelte, „ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheitswirtschaft“ zu definieren: Oft werde kontrovers debattiert, was eigentlich zur Gesundheitswirtschaft zähle. „Sind es vorwiegend die Zulieferer der Krankenhäuser, Praxen und Pflegedienste wie etwa die Medizintechnik und Pharmaindustrie oder die Gesundheitshandwerke? Ist Gesundheitswirtschaft nur das, was privat gezahlt wird?“ Als „nachhaltig tragfähig“ habe sich erwiesen, den Begriff „Gesundheitswirtschaft“ ganzheitlich zu definieren und „sowohl eigentliche Gesundheitsdienstleister als auch Zulieferer und auch Unternehmen und Einrichtungen, die traditionell nichts mit Gesundheit zu tun hatten, aber nunmehr ihre ursprünglichen Angebote vermehrt mit einem Gesundheitsbezug anreichern (etwa der Tourismus, der den Gesundheitstourismus ausbaut)“, einzubeziehen. Bei einem solchen ganzheitlichen Verständnis hätten dann Gesundheits-, Struktur- und Innovationspolitik „die Chance beim Design der in der Gesundheitsbranche dringend notwendigen integrierten Ansätze zusammenzuarbeiten“.
  • Sichergestellt werden müsse die „Balance zwischen ´bottom-up´ und ´top-down´-Strategie“. Gesundheit sei ein Gut, „das in hohem Maße lokal/regional vorgehalten, organisiert und nachgefragt“ werde. Von daher sei es „unerlässlich, dass Gesundheitswirtschaftspolitik dezentral auf Akteure ´vor Ort´ setzen muss“. Zumeist könne dies durch „regionale Netzwerke“ geschehen, „die oft unabhängig von der (Landes-)Politik entstehen, dann aber eng mit ihr zusammenarbeiten. Eine Einbindung „regionaler Netzwerke“ unter ein „gemeinsames Dach“ könne insofern Vorteile bieten, „als dass der Austausch und Dialog zwischen den Akteuren sichergestellt ist, und Parallelstrukturen und Parallelförderungen entgegengewirkt werden“ könne.
  • Man müsse sich stärker vor Augen halten: „Inter- und intraministerielle Zusammenarbeit ist eine Bringschuld der Politik“. Die Gesundheitswirtschaft falle in den Zuständigkeitsbereich mehrerer Ministerien (Gesundheit, Soziales, Arbeit, Wirtschaft, Wissenschaft und Umwelt). Wohl sei der Ruf nach besserer Koordination innerhalb und zwischen den Ministerien „keineswegs einfach zu realisieren, für eine nachhaltige und wettbewerbsfähige Gesundheitswirtschaftspolitik ist sie jedoch ein Muss“.
  • Es gehe um eine stärkere „Professionalisierung des Cluster-Managements“ in den Regionen und auch auf Landesebene. Dazu gehöre es auch, diese mit ausreichend Ressourcen auszustatten und nicht nur in Form ehrenamtlicher Tätigkeit zu belassen. „Entscheidend ist, dass praktisches Gestaltungswissen um die Spielräume regionalen Innovationsmanagements vorliegt und in konkrete Projektinitiativen übersetzt wird.“
  • Es gelte, ein „Trend- und Innovationsmonitoring“ aufzubauen. Die „Gesundheitswirtschaftspolitik“ brauche Anregungen und Konzepte, deren Umsetzung und „eine begleitende Evaluierung“, sowohl auf regionaler Ebene als auch auf Länder- und Bundesebene. Sinnvoll sei ein „wissenschaftlich fundiertes Trend- und Innovationsmonitoring“, das „zum einen Gestaltungschancen herausarbeitet und zum anderen aber auch Fehlentwicklungen und Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigt“.

Konkrete Hinweise für die Gesundheitswirtschaft in NRW:

  1. Die „Perspektive der Gesundheitswirtschaft“ muss gefestigt werden. Zwar habe NRW „als erstes Bundesland die Perspektive einer neuen Synergie zwischen ´Gesundheit´ und ´Wirtschaft´ erkannt und aufgegriffen“, jedoch könne noch lange nicht die Rede davon sein, dass das auch überall erkannt und akzeptiert worden sei. Auch müsse man der „Mythenbildung, dass bei der Gesundheit eine Kostenexplosion stattfinde, die die Gesamtwirtschaft bedrohe“, mit qualifizierten Argumenten, Zahlen und Fakten begegnen.

  2. Eine „Gestaltungsoffensive Arbeit und Qualifizierung“ muss eingeleitet werden. Mit einem Ausbau und einer Weiterentwicklung der Qualifizierungsangebote sowie mit „Gestaltungsaktivitäten zur Humanisierung der Arbeit im Gesundheitssektor“ müsse verhindert werden, „dass der Zukunftsbranche Gesundheit künftig nicht hinreichend Personal zur Verfügung steht“. Hier müsse auch nach „einer neuen Arbeitsteilung, nach neuen Kooperationsformen zwischen ärztlichen und nicht-ärztlichen Gesundheitsberufen“ gesucht werden. Darüber hinaus müsse man „neue Wege“ dafür finden, „wie bisherige Problemgruppen des Arbeitsmarktes (v. a. Ältere, Migrant/innen, Berufsrückkehrer/innen etc.) verstärkt für die Arbeit in den Gesundheitsbranchen gewonnen werden können“. Es führe auch kein Weg daran vorbei, „Personal aus dem Ausland (Pfleger/innen, Ärzt/innen) für den Einsatz in NRW zu gewinnen“.

  3. Die Versorgung muss verbessert werden. Die „Gesundheitswirtschaft“ muss „beim Nutzer und Patienten ankommen“, und zwar in Form „von konsequent integrierten Angeboten, von der Prävention über die Akutversorgung und Rehabilitation bis hin zur kontinuierlichen Begleitung von Chronikern und Risikopatienten“. Gerade für das Land NRW „mit außergewöhnlich hohen Bevölkerungsanteilen mit Migrationshintergrund“ sollte es ein Erfolgskriterium sein, „dass Zugangsbarrieren für sozial- und bildungsschwache Bevölkerungsteile überwunden werden“. Wenn „signifikante Fortschritte beim Design von Versorgungslösungen“ gelängen, würden davon in erster Linie die Menschen in NRW selbst profitieren. „Das dabei entwickelte Know-how, die dafür entwickelten organisatorischen, technischen und sozial-kommunikativen Lösungen (etwa bei der Telemedizin) werden aber auch in aller Welt gefragt sein und haben das Potenzial zu einem Exportschlager“.

  4. Es gilt, „herausragende Kompetenzen“ stärker zu profilieren.Um die Zukunftsfähigkeit zu sichern und überregionale oder internationale Aufmerksamkeit zu erzielen, sei es unerlässlich, „herausragende Kompetenzen in einzelnen Feldern der Gesundheitswirtschaft zu erarbeiten und zu pflegen“. Für NRW heiße das „zunächst einmal, eine Landkarte oder einen Atlas von gesundheitswirtschaftlichen Exzellenzen zu erstellen“, in dem „herausragende wissenschaftliche Kapazitäten“, „überregional ausstrahlende Standorte oder Knotenpunkte des Versorgungsgeschehens“ (wie „überregional oder sogar international bedeutsame Unternehmen aus der Medizintechnik, der Pharmaindustrie oder auch des Gesundheitstourismus“) eingetragen sind.

  5. Die „Gesundheitsakteure“ müssen in ihrer Innovationsfähigkeit gestärkt werden. Dafür müssten sich allerdings „die etablierten Akteure im stationären wie im ambulanten Bereich (…) oft ganz neu aufstellen, v. a. durch die Einbindung in integrierte Versorgungsstrukturen oder auch durch das Anbieten neuer Produkte und Dienstleistungen“. Gestärkt werden müssten die Beweglichkeit und Finanzkraft der Krankenhäuser. „Ein gravierender Ausbau der öffentlichen Krankenhausfinanzierung ist allerdings genauso unwahrscheinlich wie ein schnelles Umschalten der Bundesgesundheitspolitik auf eine monistische Krankenhausfinanzierung“. Deswegen würden die Krankenhäuser gut daran tun, „sich alternative Finanzierungswege zu erschließen“.

  6. Auch die internationale Zusammenarbeit muss ausgebaut werden. So richtig es sei, auf den Export von Medizintechnik und Pharma sowie auf ausländische „Gastpatienten“ zu setzen, so wichtig sei es auch, dies um weitere Handlungsfelder zu ergänzen. Im Ausland bestehe „großes Interesse an der Zusammenarbeit mit deutschen Akteuren beim Design von Systemlösungen für Versorgungsstrukturen (etwa in der Schlaganfallhilfe oder beim Rettungswesen) sowie bei der Qualifizierung“. Beim Ausbau der internationalen Zusammenarbeit dürfe man den Blick nicht nur nach Europa, Nordamerika und Japan richten. Man müsse auch die Wachstumsmärkte Brasilien, Indien und China beachten.

  7. Es kommt darauf an, künftig „mehr Prävention zu wagen“. Der Fortschritt in der Medizin und in der Gesundheitswissenschaft werde in den nächsten Jahren „neue Chancen für die Prävention“ eröffnen. Sich abzeichnende „neue Möglichkeiten der individualisierten prediktiven Medizin“ böten die Chance, „Gesundheitsrisiken bereits frühzeitig zu erkennen“. Diese Perspektive sei „menschlich, ethisch und gesellschaftlich nur dann auszuhalten“, wenn gleichzeitig auch Wege eröffnet würden, damit verbundenen „Risiken vorzubeugen oder mit ihnen umzugehen“. Es liege nahe, diese Chancen „für eine generelle Stärkung der Präventionsorientierung zu nutzen, angefangen bei den wichtigen Zielgruppen („Settings“) wie Menschen am Arbeitsplatz, Kindern und Jugendlichen und Älteren bis hin zu gezielten Vorbeugungs- und Betreuungsangeboten für solche Menschen, bei denen mit den (…) neuen Diagnoseverfahren Risiken identifiziert wurden“. Bereits entwickelte Konzepte und Ideen dafür warteten auf ihre Umsetzung.

  8. Die Gesundheitsversorgung muss altenfreundlicher werden. Die demographische Entwicklung habe einen „wachsenden und veränderten Versorgungsbedarf“ zur Folge. Neue Wege „zum Umgang mit chronischen und multimorbiden Krankheiten“ oder auch „innovative Ansätze für die Unterstützung der Gesunderhaltung, Heilung und Pflege“ seien so beispielsweise „in den Haushalten der Älteren zu finden“. Es erscheine besonders dringlich, „auf regionaler Ebene, wohnortnah neue Wege der Prävention und der geriatrischen Rehabilitation zu entwickeln und umzusetzen“. Insbesondere jene Teile von NRW, „die bereits heute durch eine überdurchschnittlich alte Bevölkerung geprägt sind (etwa das nördliche Ruhrgebiet oder ein ländlicher Kreis wie Höxter), haben die Chance, den Durchbruch für eine altenfreundliche Gesundheitsversorgung zu pilotieren“.

  9. Es geht auch um eine Stärkung der gesundheitsrelevanten Forschung. Analog zu den Bemühungen auf Bundesebene sei („trotz aller Sparbemühungen im Landeshaushalt“) in NRW „ein Ausbau der Medizin-, Medizintechnik-, Lebenswissenschaften, Gesundheits- und Gesundheitswirtschafts-Forschung unerlässlich“. Das werde auch dazu beitragen, „dass NRW in noch stärkerem Maße als bislang von einschlägigen Förderprogrammen des Bundes und der EU profitieren kann“.

  10. Aufgebaut werden müssen „nachhaltige Planungs-und Steuerungsstrukturen“.Im Mittelpunkt solle dabei „die Einbindung und Aktivierung der Unternehmen und der Einrichtungen selbst“ stehen. In „Einzelfällen und in einigen Handlungsfeldern“ mag sinnvoll sein, „dass dies von der Landesebene aus angestrebt wird“. Im Alltag der Gesundheitswirtschaft aber sei „das gestaltungsorientierte Engagement auf der regionalen Ebene gefragt“. Es gelte, „die NRW-Gesundheitsregionen als dezentrale operative Einheiten zu stärken“. Von einem „Strategiezentrum Gesundheit NRW“ werde ein „systematisches Trend- und Innovationsmonitoring“ erwartet, „dessen Erkenntnisse dann in Zusammenarbeit mit den Regionen und der Landespolitik zu strategischen Kooperationsprojekten verdichtet werden“ müssten.

Der Beitrag von Stephan von Bandemer, Elke Dahlbeck, Michaela Evans und Dr. Josef Hilbert (Institut Arbeit und Technik der Fachhochschule Gelsenkirchen) „Mehr Gesundheit wagen: Orientierung für die Zukunft der Gesundheitswirtschaftspolitik in Nordrhein-Westfalen“ (17 S.; Reihe: Forschung Aktuell, Nr. 09/2010) findet sich unter http://www.iatge.de/index.php?article_id=91&clang=0&jahr=2010 im Internet.

Gesellschaft

Sozial benachteiligte Kinder zeigen hohe Sozialkompetenz

Kinder, die sozial benachteiligt sind, zeigen trotz ihrer Situation eine ausgeprägte soziale Einstellung. Dies ergab die repräsentative Meinungsumfrage „Kinder-ECHO“, die das Jugendforschungsinstitut iconkids & youth, München (http://www.iconkids.com/) unter mehr als 700 sechs- bis zwölfjährigen Kindern durchgeführt hat (siehe im Internet unter http://www.fuer-eine-heilere-welt.de/de/aktuelles/sozial-benachteiligte-kinder-zeigen-hohe-sozialkompetenz.php).

Positive Vorstellung von der Zukunft

Dass Kinder „mehrheitlich eine positive Vorstellung von ihrer Zukunft“ hätten, gelte unabhängig vom sozialen Milieu. Auf die Frage „Stellst Du Dir das später schön vor, wenn Du erwachsen bist?“ hätten 81 Prozent sozial benachteiligter und 86 Prozent nicht benachteiligter Kinder mit „Ja“ geantwortet.

Erwartungen, Ängste und soziale Herkunft

Benachteiligte Kinder machten sich „insgesamt deutlich mehr Sorgen“ als nicht benachteiligte Kinder. Das gelte „vor allem mit Blick auf elementare Grundbedürfnisse sowie das mögliche Wegbrechen sozialer Bindungsstrukturen“. So hätten benachteiligte Kinder im Vergleich zu privilegierten deutlich stärker die Sorge geäußert „dass ich wenig Geld habe“ (49 zu 40 Prozent) und „dass ich nicht genug zu essen habe“ (29 zu 15 Prozent). Auch die Sorge „dass ich von Eltern/Freunden wegziehen muss“ (54 zu 40 Prozent) und „dass meine Eltern krank werden“ (43 zu 28 Prozent) sei bei den sozial benachteiligten Kindern deutlich stärker ausgeprägt.

Prof. Dr. H. Ziegler (Universität Bielefeld, Fakultät für Erziehungswissenschaft), der die Umfrage wissenschaftlich begleitet hat, interpretiert das wie folgt: „Benachteiligte Kinder sind häufiger Belastungen ausgesetzt, die sich negativ auf ihr Familien- und Beziehungsleben auswirken können. Daher zeigen sie größere Angst, dass die für sie wichtigen belastbaren Bindungen weg brechen könnten. Wo Kompensation, zum Beispiel über Konsum, nicht möglich ist, gewinnt ein stabiler Ordnungsrahmen immens an Bedeutung. Funktionierende Familienverbände und andere soziale Bindungen können in diesem Zusammenhang nicht hoch genug eingeschätzt werden.“

Gesellschaftliches Potenzial

Als ein „besonders bemerkenswertes Ergebnis“ wurden die Aussagen der Sechs- bis Zwölfjährigen zu ihren Zukunftswünschen gewertet. Zwar seien auch benachteiligten Kindern materielle Werte wichtig, darunter „viel Geld“ (52 zu 54 Prozent), ein „großes Haus“ (55 zu 47 Prozent), ein „toller Beruf“ (28 zu 39 Prozent) oder ein „tolles Auto“ (27 zu 34 Prozent), zugleich zeigten sie aber auch „ein hohes Maß an sozialer Verantwortung“. Den Wunsch, in Zukunft „anderen Menschen zu helfen“, hätten sie mehr als doppelt so häufig genannt (18 zu 7 Prozent) wie privilegierte Jungen und Mädchen.

„Obwohl die gesellschaftliche Wahrnehmung oft anders ist, verfügen benachteiligte Kinder über einen ausgeprägten Altruismus und eine pro-soziale Orientierung. Da materielle Dinge in ihrer persönlichen Lebenswelt weniger zugänglich sind, wenden sie sich stark ideellen Werten zu“, so Ziegler. Für ihn habe dieses Ergebnis besondere gesellschaftliche Relevanz: „Benachteiligte Kinder besitzen noch ihr volles soziales Potenzial. Die zentrale Frage muss daher lauten: Was kann die Gesellschaft unternehmen, um dieses Potenzial zu bewahren und zu entfalten?“

Keine Angst vor Verantwortung

Im Vordergrund der positiven Erwartungen der Kinder stünden „Selbstständigkeit/Unabhängigkeit“ (61 Prozent), „Beruf und Geld“ (57 Prozent) sowie „Familie“ und „Wohnen“ (27 und 24 Prozent). Dabei sei der Wunsch nach persönlicher Unabhängigkeit, die vor allem mit Aussagen wie „keine Vorschriften bekommen“ und „länger aufbleiben dürfen“ verbunden werde, bei benachteiligten Kindern weniger ausgeprägt als bei privilegierten (51 zu 62 Prozent). Gleichzeitig hätten die benachteiligten Kinder „vergleichsweise weniger Bedenken, zukünftig Verantwortung zu übernehmen und Verpflichtungen nachkommen zu müssen“ (28 zu 37 Prozent). Dies könne ein Indiz dafür sein, „dass sie selbst früher in die Pflicht genommen werden als ihre behüteten Altersgenossen“.

Verantwortungsbewusstsein und das „Bedürfnis, sich zwischenmenschlich zu engagieren“, sei auch an den Berufswünschen zu erkennen: „Lehrer sein“ zähle zu den Traumberufen benachteiligter Kinder (11 Prozent). „Dieses Ergebnis überrascht zunächst, da die Schulerfahrungen benachteiligter Kinder sehr oft keine Erfolgsgeschichten sind. Trotzdem nimmt der Lehrer oder die Lehrerin für viele Kinder dieses Alters die Rolle einer stabilen sozialen Bezugsperson ein und hat eine Vorbildfunktion“, urteilt Ziegler. Vor allem aber legten diese Ergebnisse der Umfrage nahe, „dass Kinder das Leben von Erwachsenen sowohl mit Freiheits- als auch mit Verantwortungsaspekten in Beziehung setzen“. Kinder aus benachteiligten Milieus betonten den Freiheitsaspekt weniger stark, dagegen aber den Aspekt sozialer Verantwortung stärker als Kinder aus privilegierten Milieus. Dieser überraschende Befund decke sich auch mit Ergebnissen der Sozialforschung aus Großbritannien.

Frauenthema Pflegebedürftigkeit

Die Pflegebedürftigkeit eines Angehörigen ist für die Betroffenen eine große Herausforderung, oft sogar eine Überforderung. Nicht nur müssen finanziell hohe Kosten getragen werden. Auch sind berufliche Einschränkungen oft unvermeidlich. Gerade für die Frauen ist das Thema „Pflege“ von besonderer Relevanz, denn sie sind meistens in der Rolle der Pflegenden. Das beschreibt der „Kundenkompass Pflege“, den das Versicherungsunternehmen AXA AG, Köln (http://www.axa.de) gemeinsam mit dem F.A.Z.-Institut, Frankfurt/Main (http://www.faz.net/s/institut.html) erarbeitet hat.

Signifikant mehr Frauen als Pflegende

39 Prozent der befragten Frauen hätten angegeben, eine pflegebedürftige Person zu betreuen oder bereits betreut zu haben. Bei den Männern sei dieser Anteil mit 22 Prozent nur gut halb so groß. Die „traditionelle Rollenverteilung mit der Frau als Fürsorgerin“ existiere damit „auch heute noch in vielen Familien“. Somit müssten vor allem Frauen „die Pflege eines Angehörigen in ihren Alltag einbauen“. Frauen hätten auch häufiger Angst, selbst infolge der Pflegetätigkeit zu erkranken als Männer (63 Prozent im Vergleich zu 49 Prozent).

Frauen als Pflegebedürftige

Zudem seien Frauen häufiger als Männer selbst auf Pflege angewiesen. 68 Prozent aller Pflegebedürftigen seien Frauen. Etwa ab dem 80. Lebensjahr wiesen die Frauen „eine deutlich höhere Pflegequote“ auf als die Männer. So betrage die Pflegequote bei 85- bis unter 90-jährigen Frauen 41 Prozent, bei Männern gleichen Alters lediglich 28 Prozent.

70 Prozent der befragten Männer gingen heute davon aus, „dass sie ihre Lebenspartnerin im Fall einer Pflegebedürftigkeit unterstützt“, während Frauen dies von ihrem Partner „nur zu 56 Prozent annehmen“ würden. Sie bauten „zuerst auf einen ambulanten Pflegedienst“. Sie akzeptierten auch eher als Männer „die Idee, eine private Pflegekraft könne in der eigenen Wohnung mitwohnen“.

Notwendig: Geld und Hilfe

Spätestens ab dem 40. Lebensjahr wüssten die meisten Bürger, dass eine Pflegebedürftigkeit für sie ein realistisches Zukunftsszenario sein könnte. 91 Prozent der Befragten zwischen 40 und 49 Jahren würden der Absicherung der Pflegebedürftigkeit „eine sehr große bzw. große Bedeutung“ beimessen. Aber insgesamt offenbare sich „bei den meisten befragten Bürgern zwischen Einsicht und Handeln eine große Kluft, z. B. bei der finanziellen Absicherung des Pflegefallrisikos“. Fast neun von zehn Befragten hielten eine Absicherung der Pflegebedürftigkeit für „sehr wichtig bzw. wichtig“, aber nur 38 Prozent von ihnen würden auch ernsthaft über eine private Pflegeversicherung für sich selbst nachdenken.

Wenn Menschen plötzlich vor der Situation stünden, einem pflegebedürftigen Angehörigen helfen zu müssen, „sei guter Rat teuer“. Für gut drei Viertel der Befragten seien „der Arzt des Vertrauens“ (77 Prozent) sowie die zuständige gesetzliche Krankenkasse bzw. private Krankenversicherung (76 Prozent) die ersten Ansprechpartner. Von ihrem Arzt erwarteten sie vor allem fachlichen Rat, mit der Krankenversicherung seien „zunächst Kostenfragen zu klären“. Daneben hätten 68 Prozent der Bürger angegeben, „sich bei den Pflegestützpunkten in der näheren Umgebung zu informieren“.

Von den Produktanbietern zusätzlicher Pflegeversicherungen, von den Versicherungsgesellschaften, erwarteten die befragten Bürger in erster Linie finanzielle Leistungen (76 Prozent). Fast ebenso viele Befragte möchten von den Versicherern aber auch Hilfe bei der Vermittlung von Pflegediensten (73 Prozent) und von Haushaltshilfen (72 Prozent) erhalten. Die meisten Bürger wollten bei der Suche eines Pflegeplatzes (67 Prozent) und bezüglich des Services „Essen auf Rädern“ (62 Prozent) unterstützt werden. Frauen interessierten sich für solche Zusatzleistungen der Versicherungen mehr als Männer. Auch Angebote wie „Stressmanagement“ und Pflegeschulungen fragten Frauen häufiger nach.

Der „Kundenkompass Pflege“ („Aktuelle Bürgerbefragung: Marktüberblick, Vorsorge, Rat und Tat“, 32 S.) des Versicherungsunternehmens AXA, Köln, und des F.A.Z.-Institut für Management-, Markt- und Medieninformationen, Frankfurt am Main, und weitere Materialien zur Thematik finden sich unter http://www.axa.de/servlet/PB/menu/1193592_l1/index.html?aflaechenID=1193618&WT.ac=1193618 im Internet.

Statistik: Alleinerziehende in Deutschland

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (www.destatis.de/) lebten im Jahr 2009 in Deutschland 8,2 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern. „Tendenz steigend“. Fast jede fünfte Familie davon (19 Prozent) sei 2009 die Familie einer alleinerziehenden Mutter oder eines alleinerziehenden Vaters gewesen. Besonders viele von ihnen lebten in Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern. Mit 27 Prozent habe der Anteil Alleinerziehender in Ostdeutschland höher gelegen als in Westdeutschland (17 Prozent). 72 Prozent aller Familien seien Ehepaare und neun Prozent Lebensgemeinschaften mit minderjährigen Kindern gewesen. Die Alleinerziehenden bildeten „somit eine feste Größe unter den Familien Deutschlands“, stellt das Statistische Bundesamt fest. Da in jeweils neun von zehn Fällen der alleinerziehende Elternteil (2009) die Mutter war, sei zu konstatieren „Alleinerziehen ist Frauensache.“

Anteil der Berufstätigen

Im Jahr 2009 seien rund 60 Prozent der insgesamt 1,4 Millionen alleinerziehenden Mütter berufstätig gewesen. Die 6,7 Millionen Mütter in „Paarfamilien“ (darunter werden Ehepaare und nichteheliche Lebensgemeinschaften verstanden - d. Red.) seien mit 58 Prozent fast genau so häufig erwerbstätig gewesen. Knapp sechs von zehn alleinerziehenden Müttern hätten sich im Jahr 2009 „überwiegend aus eigener Erwerbstätigkeit finanziert“. Rund 31 Prozent (im Osten Deutschlands: 38 Prozent) seien auf Transferzahlungen (wie Hartz IV oder Sozialhilfe) für die Finanzierung „ihres überwiegenden Lebensunterhalts“ angewiesen gewesen.

Im Westen Deutschlands gingen alleinerziehende Mütter mit nahezu 62 Prozent deutlich häufiger einer Erwerbstätigkeit nach als Mütter in „Paarfamilien“ (rund 57 Prozent). In Ostdeutschland sei das „genau umgekehrt“. Zudem sei auch der Unterschied größer: Während hier knapp 54 Prozent der alleinerziehenden Mütter berufstätig waren, habe das auf über 63 Prozent der Mütter in „Paarfamilien“ zugetroffen.

Häufiger in Vollzeit

Deutliche Unterschiede zwischen alleinerziehenden Müttern und Müttern in „Paarfamilien“ zeigten sich beim Umfang der ausgeübten Tätigkeit. Mit 42 Prozent arbeiteten erwerbstätige, alleinerziehende Mütter „wesentlich häufiger“ in Vollzeit als erwerbstätige Mütter in „Paarfamilien“ (27 Prozent). Die alleinerziehenden Väter seien nicht nur häufiger erwerbstätig als alleinerziehende Mütter. Sie gingen auch doppelt so oft einer Vollzeittätigkeit nach (zu 87 Prozent). Bei Teilzeitbeschäftigungen sei das entsprechend umgekehrt.

Abhängig vom Alter der Kinder

Die Erwerbsbeteiligung alleinerziehender Mütter hänge („wie auch bei den Müttern in Paarfamilien“) in hohem Maße vom Alter der Kinder ab: Während knapp drei Viertel (73 Prozent) der alleinerziehenden Mütter mit jüngstem Kind im Alter von 15-17 Jahren erwerbstätig seien, liege die Erwerbsbeteiligung alleinerziehender Mütter mit Kindern im Alter von unter drei Jahren bei lediglich 23 Prozent.

2009 hätten 54 Prozent alleinerziehender Mütter, die Kinder unter drei Jahren im Haushalt versorgten, mit einem monatlichen Familiennettoeinkommen von unter 1.100 Euro zurechtkommen müssen. Je älter die Kinder seien, desto seltener verfügten die alleinerziehenden Mütter über ein solch niedriges Einkommen. Erreiche das jüngste Kind ein Alter von 15 bis 17 Jahren, hätten nur noch 19 Prozent der alleinerziehenden Mütter ein so niedriges Einkommen.

Eine Publikation des Statistischen Bundesamtes „Alleinerziehende in Deutschland. Ergebnisse des Mikrozensus 2009“ (33 S.), ein Statement und ein Interview des Präsidenten Roderich Egeler (12 S.) und weitere Materialien zur Thematik „Alleinerziehende“ finden sich im Internet unter der Adresse http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pk/2010/Alleinerziehende/
Alleinerziehende__Uebersicht.psml
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Einstellungswandel: Freunde werden zur „Wahlfamilie“

Immer mehr Menschen, die selbst kinderlos geblieben sind, sind im Alter auf fremde Hilfe sowie persönliche Beziehungen und Kontakte angewiesen, wenn sie nicht allein bleiben wollen. Daher werden Freunde immer wichtiger im Leben. Zu diesem Schluss führt eine repräsentative bundesweite Untersuchung der British American Tobacco Stiftung für Zukunftsfragen, Hamburg (http://www.stiftungfuerzukunftsfragen.de/). „Die persönliche Zukunftsvorsorge wird in einer Gesellschaft des langen Lebens zu einer Generationenaufgabe ersten Ranges“, so Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen. Die „systematische Pflege der Freundschaftskontakte“ rücke quer durch die Berufs-, Sozial- und Altersgruppen“ – „in das Zentrum des Lebens.“

Freunde als Bestandteil der Lebensqualität

Die bloße Lebensstandardsteigerung höre auf, „das erstrebenswerteste Ziel im Leben zu sein“. Die Lebensqualität werde zum Garanten für ein gutes Leben zwischen Glück und Geborgenheit. Für 92 Prozent der Bevölkerung (2002: 83 Prozent) gehörten Freunde „zur unverzichtbaren persönlichen Lebensqualität“. Von den „Singles“ äußerten sich heute 95 Prozent entsprechend. Gleichzeitig hätten die Berufs- und Arbeitsbeziehung (2002: 74 Prozent; 2010: 72 Prozent) und die Zugehörigkeit zu Religionsgemeinschaften (2002: 31 Prozent; 2010: 24 Prozent) „einen Bedeutungsverlust hinnehmen“ müssen.

„Wahlfamilien“ erfahren eine Renaissance

Was sich in den achtziger Jahren als Tendenz angedeutet habe, werde „zunehmend Wirklichkeit“: Für nahezu drei Viertel der Bevölkerung (74 Prozent; Singles: 80 Prozent; junge Erwachsene 90 Prozent) seien Freunde „eine Art zweite Familie“, für Familien eine „lebensbereichernde Ergänzung“, für die Alleinlebenden aber „ein gleichwertiger Familienersatz“. Die „virtuellen Beziehungen“ könnten echte Freundschaften nicht ersetzen.

Der demographische Wandel zwinge zum Umdenken. Alleinstehende Menschen im Alter ohne Kinder und Enkel sollten sich frühzeitig – „so die konkrete Empfehlung von 55 Prozent der Bevölkerung in Deutschland“ - um nichtverwandte Wahlfamilien kümmern. Dieses „erweiterte Familienverständnis“, so Opaschowski, gleiche „einer Art Adoption: Enkel-, Kinder- und Familienlose werden wie durch Adoption in Wahlfamilien aufgenommen“. Das könnten auch Haus- oder Baugemeinschaften sein. Eine neue Ära von Generationenhäusern werde „den Städte- und Wohnungsbau der Zukunft grundlegend verändern“.

Der Newsletter der BAT Stiftung für Zukunftsfragen mit einem Ergebnisbericht und Statistiken zu der Untersuchung „Freunde werden zur ´Wahlfamilie´. Einstellungswandel in Deutschland“ findet sich unter http://www.stiftungfuerzukunftsfragen.de/de/forschung/aktuelle-untersuchungen.html im Internet.

Arbeitsmarkt

Trend zur „Prekarisierung“ in der Schweiz

Immer mehr Menschen arbeiten bei Zeitarbeitsfirmen und auf Abruf. Sie wechseln von Job zu Job. Viele von ihnen empfinden ihre Arbeitssituation als „prekär“. Auch in der Schweiz. Unlängst haben „Die Wochenzeitung“, Zürich (http://www.woz.ch/artikel/inhalt/2010/nr33/Wissen/19640.html) und „MALMOE“, eine Publikation „für engagierte Trendsetter und Early Adopter auf der Höhe der Zeit“ zwischen 20 und 35 Jahren, die von dem Wiener Verein zur Förderung medialer Vielfalt und Qualität herausgegeben wird (http://www.malmoe.org/artikel/verdienen/2024), den Soziologen und Sekretär der Gewerkschaft Unia, Dr. Alessandro Pelizzari nach Hintergründen und Folgen der zunehmenden „Prekarisierung“ der Arbeit befragt.

Zum Begriff „Prekarisierung“

Die Internationale Arbeitsorganisation definiere ein Beschäftigungsverhältnis als „prekär“, wenn es „sozial- und arbeitsrechtlich schlecht abgedeckt“ sei, wenn damit nur ein niedriges Einkommen erzielt werden könne und es „keine langfristige Lebensplanung ermöglicht“, so Pelizzari. Neu sei das natürlich nicht, „denn wer von Lohnarbeit lebt, hat schon immer damit rechnen müssen, dass das Arbeitsverhältnis aufgelöst werden kann – oder dass es für ein Leben in Würde nicht ausreicht“.

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hätten „soziale Garantien“ dazu beigetragen, die Lohnarbeit abzusichern - auch wenn man nicht vergessen dürfe, „dass weite Teile der Erwerbsarbeit, besonders Frauen und Migranten, immer vom Modell des männlichen ´Normalarbeitsverhältnisses´ ausgeschlossen blieben“. Mit der fortschreitenden Liberalisierung des Arbeitsmarkts seien diese Garantien aber nach und nach wieder abgebaut worden: „Arbeitsrechtliche Schutzbestimmungen werden ausgehöhlt, (…) die Sozialversicherungen werden angegriffen. Neoliberale Interventionen des Staates in den Arbeitsmarkt und betriebliche Flexibilisierungsstrategien haben dazu geführt, dass Lohnarbeit wieder enger an kurzfristige unternehmerische Marktrisiken gekoppelt wird.“

Zum Umfang „prekärer“ Beschäftigungsverhältnisse

In der Studie „Dynamiken der Prekarisierung“ habe Pelezzari aufgezeigt, dass in den vergangenen zwei Jahrzehnten Beschäftigungszuwächse auf dem Schweizer Arbeitsmarkt fast ausschließlich im Bereich prekärer Arbeit verzeichnet worden seien. Das schlage sich in offiziellen Statistiken nur zum Teil nieder. Die Zahl der Zeitarbeiter, der Beschäftigten auf Abruf oder der Scheinselbstständigen sei in den letzten Jahren zum Teil exponentiell gestiegen, besonders in der Zeitarbeit: Die Anzahl vermittelter Arbeitsstunden habe sich „in weniger als fünfzehn Jahren vervierfacht“. Befristete Beschäftigungsverhältnisse seien seit dem Jahr 2000 um rund ein Viertel gewachsen, unbefristete Vollzeitstellen seien im gleichen Zeitraum weniger geworden.

Für viele Hochschulabsolventen sei es „zur Normalität geworden, sich vor dem ersten richtigen Job durch unbezahlte Praktika kämpfen zu müssen“. Durch so genannte Integrationsmaßnahmen wie die „1000-Franken-Jobs“ bilde sich nach und nach „ein staatlich subventionierter prekärer Arbeitsmarkt“ heraus. Und durch die „Aufenthaltsvergabepraxis für eingewanderte Arbeitskräfte“ hätten sich zudem die „Konkurrenzverhältnisse gering qualifizierter Erwerbsgruppen verschärft“.

Im Ergebnis dieser Entwicklung entstehe „ein hoch segmentierter Arbeitsmarkt“. Die Thesen von der „Entstehung eines neuen Proletariats“ oder vom „Globaltrend Prekarisierung“, der „alle auf die schiefe Ebene“ führe und keinen Raum mehr für soziale Sicherheit lasse, „banalisierten die Auswirkungen der ´Prekarisierung´ auf die Struktur der sozialen Ungleichheit“.

Dramatische Konsequenzen für die Beschäftigten

Pelizzari erläutert das am Beispiel eines Bauarbeiters, „der nach rund dreißig Jahren im gleichen Betrieb entlassen wird“. Als 55-Jähriger komme er nur noch über eine Zeitarbeitsfirma wieder in den Arbeitsmarkt. „Nebst einem erheblichen Lohnverlust bringt das neue Anstellungsverhältnis auch die ständige Unsicherheit, ob der Einsatz verlängert wird. Ausgeschlossen wird der Mann außerdem von bestimmten Weiterbildungsangeboten, Schutzmassnahmen vor Arbeitsunfällen und anderem mehr. Vor allem aber erleidet er auch einen schwierig zu bewältigenden Identitätsverlust: Als Zeitarbeiter ist man immer ein wenig der Fremde am Arbeitsplatz, der nicht wirklich zur Gruppe gehört.“

Zu den Ursachen

In exportorientierten Industriebranchen nutzten die Unternehmer eine Vielzahl von Zeitarbeitern, „um kurzfristig auf Auftragsschwankungen reagieren zu können“. Im „gewerkschaftlich stark organisierten Baugewerbe“ würden prekäre Beschäftigungsverhältnisse dazu genutzt, „einen künftigen Mitarbeiter auf die Probe zu stellen oder um die gesamttarifvertraglichen Regelungen zu umgehen“. Dass ein langjähriger Mitarbeiter plötzlich dazu gedrängt werde, „als Selbstständiger für die gleiche Firma weiterzuarbeiten, und dabei seine Ansprüche auf Mindestlohn oder auf Sozialversicherungen verliert, ist leider nicht selten“. Und im Dienstleistungssektor gehe es mit der „Arbeit auf Abruf“ schlicht darum, Kosten zu senken.

Entscheidend sei nach der Meinung von Pelezzari, dass man die Prekarisierung nicht als „Prozess von oben“ begreife, „der quasi auf die Betroffenen niedergeht“. Vielmehr müssten hier „die vielfältigen Anpassungsstrategien und Konkurrenzkämpfe der Beschäftigten“ ebenso betrachtet werden. Heute stünden in Niedriglohnsektoren wie dem Gastgewerbe „jüngere und überwiegend gut ausgebildete Arbeitskräfte älteren und niedriger qualifizierten Generationen gegenüber, die vor vielen Jahren eingewandert sind“. Freizügigkeit wirke hier destabilisierend. Ein anderes Beispiel seien Stammbelegschaften in der Industrie oder auf dem Bau. Sie sähen sich heute mit jüngeren, flexibleren Beschäftigten konfrontiert, „die für die Ausübung der gleichen Arbeit Arbeitsbedingungen in Kauf nehmen, die sie selbst kaum akzeptieren würden“. Während ältere Arbeitnehmer ihr Leben lang in Normalarbeitsverhältnissen tätig gewesen seien und vollen Anspruch auf soziale Sicherung erworben hätten, „kennen die jüngeren stabile Erwerbsverhältnisse nur vom Hörensagen und sehen in der prekären Beschäftigung das Versprechen auf neuartige Entwicklungsmöglichkeiten“.

Heute arbeiteten also im gleichen Betrieb Beschäftigte zu völlig unterschiedlichen Konditionen nebeneinander. Auf den Baustellen beispielsweise stritten „Grenzgänger und Einwanderer ohne Papiere, Leiharbeiter und Scheinselbstständige, entsandte Hilfskräfte und einheimische Fachkräfte um Positionen, „die in den letzten Jahren immer prekärer geworden“ seien. Während die einen ohne Aussicht auf ein sicheres Beschäftigungsverhältnis sind, betrachten andere die prekäre Arbeit als Phase des Übergangs in eine berufliche Konsolidierung und akzeptieren die daraus entstehenden Nachteile für eine bestimmte Zeit.“ Daraus entstünden „Interessenlagen und Bewältigungsstrategien, die so unterschiedlich sind wie die Erwerbsformen und Berufsverläufe selbst“.

Schlussfolgerungen für die Gewerkschaften

Gewerkschaftspolitik, so Pelizzari, müsse heute „defensiv und offensiv zugleich sein“. Neben gesetzlichen und gesamttarifvertraglichen Maßnahmen zur Sicherung prekärer Erwerbslagen müssten die Gewerkschaften „eine neue, auf die verschiedenen Formen der Prekarität ausgerichtete Partizipationspolitik“ formulieren, „mit der dazu beigetragen werden kann, dass prekär Beschäftigte handlungsfähig bleiben“. Dazu gehöre die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns, wie das der Schweizerische Gewerkschaftsbund fordere. Oder die Einführung eines Kündigungsschutzes, „der diesen Namen auch verdient“. Sonst drohten „fremdenfeindliche oder populistische Ressentiments gegenüber schwächeren Erwerbsgruppen“ aufzuflammen. Die Gewerkschaften hätten „die neuen sozialen Folgen und Spaltungen, die mit der Dynamik der Prekarisierung einhergehen“, zu lange ignoriert.

Die in den Interviews erwähnte Studie, mit der Alessandro Pelizzari 2008 an der Faculté des sciences économiques et sociales der Universität Genf promovierte, erschien unter dem Titel: „Dynamiken der Prekarisierung. Atypische Erwerbsverhältnisse und milieuspezifische Unsicherheitsbewältigung“ als Buch (Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft 2009, 354 S., 34,00 Euro, ISBN 978-3-86764-172-2).

Bildung

Umfrage: Eltern für längeres gemeinsames Lernen

„Sollen Kinder schon nach der vierten Klasse auf verschiedene Schulen gehen? Oder sogar bis zur neunten Klasse miteinander lernen?“ Diesen Fragen sind das „Kindersachen“-Unternehmen JAKO-O und das Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid in einer repräsentativen Studie nachgegangen. (http://www.jako-o.de/Presse-Mitteilung-Detail.361+M52890f5195a.0.html). Bundesweit wurden dafür 3.000 Eltern mit Kindern zwischen drei und 16 Jahren befragt.

Sechs Jahre Grundschule gewünscht

Eindeutiges Ergebnis der Umfrage: „Die Eltern wünschen sich sechs Jahre Grundschule.“ Für sechs oder mehr Jahre gemeinsames Lernen hätten sich 72 Prozent der Eltern ausgesprochen. „Der gerade in Hamburg über die Bühne gegangene Volksentscheid bedeutet dort zwar erst einmal das Aus für die sechsjährige Primarschule. Die Politiker sollten sich davon aber nicht abschrecken lassen und sich weiterhin intensiv um das längere gemeinsame Lernen kümmern“. Dieses Thema liege den meisten Eltern bundesweit am Herzen.

Aufteilung der Schüler nach vier Jahren eindeutig zu früh

Die Weichen für die weitere Bildungskarriere würden in Deutschland zu früh gestellt, warnten Experten immer wieder. TNS Emnid und JAKO-O hätten deshalb die Eltern gefragt: „Was halten Sie persönlich für die richtige Klasse, ab der die Aufteilung erfolgen sollte?“ Hier habe die Umfrage gezeigt: Mit der derzeit in den meisten Bundesländern üblichen frühen Trennung nach der vierten Klasse seien „gerade einmal ein Viertel der Eltern zufrieden“ (26 Prozent).

57 Prozent fänden einen Wechsel nach der sechsten Klasse am besten und 15 Prozent würden es bevorzugen, wenn die Schüler erst nach der neunten Klasse aufgeteilt werden.

Regionale Unterschiede

Unter den Eltern in Ostdeutschland würden 29 Prozent neun Jahre gemeinsames Lernen als „die beste Lösung“ ansehen. Die vierjährige Grundschule fänden hier nur 17 Prozent gut. 51 Prozent seien für sechs Jahre Grundschule. Im Westen sei das für 58 Prozent der Eltern das favorisierte Modell. 27 Prozent hätten sich hier für vier Jahre Grundschule ausgesprochen, nur 13 Prozent für neun Jahre.

Persönliche Meinung und Bildungsgrad

Die Umfrage habe den Vorwurf widerlegt, „der in Hamburg laut wurde“: Vor allem die so genannten bildungsnahen, besser situierten Eltern würden sich für eine frühe Aufteilung der Schüler einsetzen. Bundesweit hätten nur 23 Prozent der Eltern mit Abitur oder Fachabitur angegeben, für eine Trennung nach der vierten Klasse zu sein. Bei den Eltern mit Volksschul- oder Hauptschulabschluss seien das aber 33 Prozent gewesen. Für die Aufteilung nach der 6. Klasse hätten sich 54 Prozent der Eltern „mit höherem Schulabschluss“ und 56 Prozent „mit niedrigerem Schulabschuss“ ausgesprochen. Von den Eltern mit (Fach-)Hochschulreife würden 22 Prozent sogar neun Jahre des gemeinsamen Lernens bevorzugen. Bei Eltern mit Volks- oder Hauptschulabschluss sähen das nur neun Prozent als beste Variante an.

Privatschulverband empfiehlt gezielte Bildung für benachteiligte Jugendliche

Nach verschiedenen Berechnungen werden in Deutschland bis zum Jahr 2014 mindestens 200.000 oder sogar 250.000 Fachkräfte fehlen. Aus Sicht des Verbands Deutscher Privatschulverbände e.V. (VDP; http://www.privatschulen.de/index.php?option=com_content&view=frontpage&Itemid=1) kann der Mangel an gut ausgebildeten Arbeitskräften nur behoben werden, wenn die gezielte Förderung von Potentialen und Talenten oberste Priorität erlangt.

Gesellschaftliche Verantwortung gegenüber benachteiligten Jugendlichen

Es gebe in Deutschland eine große Zahl Jugendlicher aus wirtschaftlich benachteiligten Schichten „ohne hinreichende schulische und berufliche Qualifikationen, aber mit bildungsfähigen Anlagen“. Es müsse daher vorrangiges Ziel von Wirtschaft und Politik sein, „diese Gruppe fit für den Arbeitsmarkt zu machen“, erklärt Anja Eckert, Bundesgeschäftsführerin des VDP. Aus Sicht des Verbandes könne es aber nicht nur darum gehen, der Wirtschaft ausreichend Arbeitskräfte zuzuführen. „Wir haben eine gesellschaftliche Verantwortung gegenüber den benachteiligten jungen Menschen. Sie müssen in die Lage versetzt werden, aktiv am beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Grundvoraussetzung hierfür ist eine gute Bildung.

Besondere Betreuungs- und Förderangebote erforderlich

Gerade bei außerschulischen und vollzeitschulischen Ausbildungsgängen habe man die Erfahrungen gewonnen, „dass mit individualisierten, auf persönliche Belange zugeschnittenen Bildungsangeboten diese Jugendlichen zu einem qualifizierten Berufsabschluss geführt werden können“. Zudem könnten diese Ausbildungsgänge besonders schnell und flexibel auf die sich verändernde Anforderungen des Arbeitsmarktes angepasst werden. Sie seien daher „ein elementarer Bestandteil des beruflichen Bildungssystems“. Außerbetriebliche Ausbildungsangebote eröffneten Jugendlichen mit Unterstützungsbedarf eine berufliche Zukunftsperspektive mit individueller Förderung, durch den Abbau von Defiziten und durch sozialpädagogische Begleitung.

Die Zahl der Berufsfachschulen in freier Trägerschaft sei in den letzten Jahren „stetig angestiegen“. Auch die Anzahl der Jugendlichen, die eine solche Einrichtung besuchten, wachse kontinuierlich. Nach Angaben des Verbandes Deutscher Privatschulverbände hätten im Schuljahr 2007/08 schon rund 121.000 Jugendliche Berufsfachschulen in freier Trägerschaft besucht. Vor diesem Hintergrund sei es nicht nachvollziehbar, „dass einige Bundesländer die Finanzhilfe für freie berufliche Schulen kürzen“. Die Politik müsse „dringend reagieren“ und „vergleichbare gesetzliche Rahmenbedingungen für staatliche und freie Bildungsträger“ schaffen.

Umwelt

Zu Hauptaspekten eines neuen Wachstumsmodells

Alternative Wirtschaftspolitik kann sich heute nicht mehr nur auf sozialökonomische Analysen und Programme für einen kurz- und mittelfristigen Politikhorizont beschränken. Spätestens seit dem 4. IPCC-Bericht (2007), dem Stern Report (2006) und der Weltfinanz- und Wirtschaftskrise ist die „Verschränkung konjunktureller, ökonomischer Krisen mit säkularen, ökologischen Krisentrends offensichtlich“. Das schreibt Prof. Dr. Peter Hennicke, Direktor der Abteilung Energie am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH (http://www.wupperinst.org/) in einem Diskussionspapier. Das Hauptaugenmerk einer alternativen Wirtschaftspolitik müsse daher über eine kurz- und mittelfristige sozioökonomische Analyse hinausgehen. Was den Klimawandel aber auch die Verfügbarkeit von Ressourcen betreffe, so seien „kritische Punkte teilweise bereits überschritten“.

Zum notwendigen Paradigmenwechsel

Die Verknappung in der Natur werde „einen historisch beispiellosen ökonomischen Megatrend“ auslösen. Von einer „sozio-ökönomischen Transformation von Zivilgesellschaft und Wirtschaft (d. h. von nachhaltigen Produktions- und Konsummustern)“ hänge es entscheidend ab, „ob rechtzeitig irreversible ökologische Katastrophenprozesse vermieden werden können“. Nach Einschätzungen von Experten verbleibe der Weltgemeinschaft für die Umkehr des Trends steigender CO2-Emissionen „nur noch ein Zeitfenster von 10 bis 15 Jahren“. Erforderlich sei „eine neue Qualität von Politik (d. h. die uneingeschränkte Wahrnehmung des Primats der Politik). Ein „New Green Deal“ müsse die Lösung des Klimaproblems und den Ressourcenschutz zum Ziel haben, wenn er wirklich „Green“ und nachhaltig wirksam sein soll.

Die „absolute Naturverknappung im 21. Jahrhundert“ zwinge Wirtschaft und Gesellschaft „historisch erstmalig“ dazu, „den Basisinnovationen eine nachhaltige Richtung“ zu geben: Sie müssten „in der Summe natursparend (und soweit möglich) auch arbeitsschaffend sein und zur Entkopplung von Lebensqualität und Naturverbrauch beitragen, weil die Fortsetzung nichthaltiger Produktions- und Konsummuster sonst die natürlichen Voraussetzungen von Wirtschaft und Gesellschaft zerstören“.

Weltweit habe der Paradigmenwechsel „die Machtzentralen von Ökonomie und Politik zwar erreicht, aber bisher nur ansatzweise Kurskorrekturen in Gang gesetzt“. Wer glaube, „wegen kurzfristiger Wirtschafts- und Konjunkturpolitik Lösungsbeiträge für die Klima- und Ressourcenprobleme in die Zukunft verschieben zu müssen, ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen“. Das gelte gerade auch „für die gigantischen monetären Interventionen zur Dämpfung der Weltwirtschaftskrise, weil sie zukünftige Generationen doppelt belasten: Mit einem exorbitanten neuen Schuldenberg und den Katastrophen eines unterlassenen Klima- und Ressourcenschutzes.“

In Deutschland werde auf Grund des „vorherrschenden neoliberalen Grundverständnisses von Wirtschafts- und Fiskalpolitk („das unter dem Eindruck der ´Bankensystemkrise´ nur vorübergehend quasi in den Stand-by Modus versetzt wurde“) der „grüne Anteil“ bewusst klein gehalten.

Energie- und Klimaschutz neu denken

Noch suggerierten „die offizielle Politik“ und „dominierende Wirtschaftsinteressen“ in Deutschland, „die Politik des ´Business as usual´ ließe sich mit kleineren Korrekturen und Klientelpolitik nach der Art ´Wachstumsbeschleunigungsgesetz´ fortsetzen“. Aber schon vor der Weltwirtschaftkrise habe als Reaktion auf sich verschärfende ökologische Krisen „ein evolutionärer Strukturwandel in Wirtschaft und Gesellschaft eingesetzt, der den politischen Mainstream immer mehr zur Richtungsentscheidung drängt“.

Diese anstehenden Richtungsentscheidungen für die Energiewende, Klima- und Ressourcenschutz und für nachhaltige Entwicklung bedingten, „dass die Politik ihre Handlungs- und Steuerungsfähigkeit gegenüber der Wirtschaft wieder gewinnt und insbesondere bei der Energie-, Verkehrs-, Wirtschafts-, Finanz-, Forschungs- und Bildungspolitik die Nachhaltigkeit als Leitziel ressortübergreifend umgesetzt wird, statt wie bisher die Grundsatzfragen langfristiger Politik an einen honorigen Nachhaltigkeitsrat zu delegieren“.

Neu gedacht werden müsse zukünftig auch „die Alternative ´dezentral´ versus ´zentral´“. Es sollte zutreffender heißen: „Effizient und erneuerbar“ versus „ineffizient und fossil-nuklear“. Großtechnische Stromerzeugungstechnologien mit Solar- und Geothermie oder Offshore Windparks basierten zwar auf erneuerbaren Energiequellen, könnten aber schwerlich als dezentral bezeichnet werden. Dennoch seien ihre Risiken „so unvergleichlich geringer und ihre langfristigen Erfolgsaussichten so viel größer als bei fossil-nuklearer Energieerzeugung“.

Klimaschutzpolitik als Teil einer umfassenden Ressourcenpolitik

Das Klimaproblem habe eine besonders bedrohliche Dimension. Es verdeutliche zugleich „exemplarisch, dass die herrschenden nicht nachhaltigen Produktions- und Konsumweisen auf unveränderbare Naturschranken treffen bzw. diese bereits teilweise irreversibel überschritten haben. Ressourcenkrisen wie z. B. der Verlust an Artenvielfalt, akute Wasserarmut, Verknappung nicht erneuerbarer Ressourcen (z. B. Öl, Metalle), Überfischung der Meere, Wüstenbildung und Zerstörung von Böden sind bei wachsender Weltbevölkerung nur noch beherrschbar, wenn die entfesselte expansive Logik der vorherrschenden Produktions- und Reproduktionsweisen weltweit grundlegend in Frage gestellt und geändert wird“.

Die umfassende Problematik der „abiotischen und biotischen Ressourcen“ stehe heute in vielfältigen Wechselverhältnissen zur Klimafrage. Die Dramatik der Rohstoffprobleme „und die damit verbundene epochale Herausforderung für die Weltgesellschaft“ seien durchaus vergleichbar mit der Klimafrage. Vor diesem Hintergrund könne man „die Selbstgefälligkeit mit der der Paukenschlag des Club of Rome (Meadows „Grenzen des Wachstums“ 1972) alsbald von der herrschenden Ökonomie und – im Gefolge – auch von der veröffentlichten Meinung ad acta gelegt wurde“, angesichts der Klima- und Ressourcenprobleme der Gegenwart und Zukunft „nur noch staunend“ zur Kenntnis nehmen.

Globalziel: Entkopplung durch Steigerung der Ressourceneffizienz

Das „langfristige ökologische Globalziel der Ressourcenpolitik“ sei „die absolute Entkopplung von Lebensqualität (Wirtschaftswachstum) und Ressourcenverbrauch“. Bezogen auf den gesamten „abiotischen Ressourcenverbrauch“ könne (bezogen auf den Stand vom Jahr 2000) „eine absolute Reduktion um 50 Prozent bis Mitte des Jahrhunderts als Ziel einer nachhaltigen Entwicklung definiert werden“.

„Globale Treiber“ wie das Weltbevölkerungs- und Weltwirtschaftswachstum sowie eine „absolute Reduktion der Pro-Kopf Material- und Energieverbrauche in Industrieländern“ und „die Konvergenz notwendig ansteigender Pro-Kopf-Verbrauche in Entwicklungs- und Schwellenländern“ müssten den ökologischen Handlungsrahmen für eine nachhaltige Ressourcenpolitik bilden. Dieser „langfristige Weltprozess der Reduktion (reiche Länder) und Konvergenz (arme Länder) an ein naturverträgliches Durchschnittsniveau (pro Kopf)“ sei ohne eine „revolutionäre Steigerung der Ressourceneffizienz (mit dem Ziel absoluter Entkopplung) nicht vorstellbar“. Gerade dies sei aber eine notwendige Bedingung, „um die Tragfähigkeit von Ökosystemen und der Atmosphäre nicht weiter zu überfordern und um die Erschöpfung nicht erneuerbarer Ressourcen so weit wie möglich in die Zukunft zu verlagern oder durch Substitute abzumildern“.

Wirtschaftswachstum: Was? Wie viel? Warum?

Obwohl jeder der „Binsenwahrheit“ zustimme, „dass exponentielles Wirtschaftswachstum auf einen begrenzten Planeten nicht auf Dauer stattfinden kann“, sei nur wenigen bewusst, „dass diese Unverträglichkeit nicht ein in ferner Zukunft eintretender Zustand ist, sondern eine bereits mittelfristige Entwicklung betrifft“. Je mehr „Wirtschaftswachstum heutiger Struktur und Qualität“ stattfinde, desto schneller würden sich die Klima- und Ressourcenprobleme verschärfen.

Die „Grundfragen nachhaltigen Wirtschaftens, was wächst („welche Branchen müssen wachsen und welche schrumpfen?“), um wieviel („reicht lineares oder sogar Nullwachstum, statt exponentiellem Wachstum in reifen Gesellschaften“) und warum („ist Kapitalismus ohne Wachstum denkbar und wenn nicht, in welcher Wirtschaftsordnung dann?“)“ seien in der Wissenschaft und Gesellschaft umstritten. Das wäre weniger brisant, „wenn die herrschende Politik und Wirtschaft sich den kontroversen Fragen stellen und einen gesellschaftlichen Diskurs hierüber initiieren würden“. Stattdessen aber werde „der Fetisch ´Wachstum´ wie der heilige Gral gehütet und als universeller ´Problemlöser´ angepriesen“: Das Wachstum erhöhe Wohlstand, schaffe Arbeit, entschärfe Verteilungskonflikte, schaffe Spielräume für die Finanzierung von Umwelt- und Klimaschutz, sichere Staatshaushalt und Sozialversicherung etc.

„Mag sein, dass diese scheinbaren ´Problemlösungen´ mit Wachstum für einen kurzfristigen Politikstil der Wahlperioden derzeit noch leichter möglich sind.“ Wenn aber der Preis langfristig die Vernichtung der natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit ist, müsse offensichtlich neu nachgedacht werden. Wirtschaftswachstum wirke „nur dann

  1. arbeitsschaffend, wenn es – bei unveränderter Arbeitzeit – höher ist als das Wachstum der Arbeitproduktivität pro Erwerbstätigem, und
  2. natursparend, wenn – im Sinne einer absoluten Entkopplung von Wachstum und Naturverbrauch – die Ressourcenproduktivität schneller wächst als das Bruttoinlandsprodukt“.

Eine Frage, der sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in reichen Ländern immer weniger entziehen könne laute: „Wie viel ist für wen genug?“ Sie müsse beantwortet werden, „denn Zukunftsfähigkeit sei nicht allein durch die Optimierung der Mittel erreichbar, es kommt ebenso auf die Angemessenheit der Ziele und die gerechte Verteilung von gesellschaftlich wünschenswerter Steigerung der Lebensqualität für alle Bürger an“.

Chancen einer integrierten Klimaschutz- und Ressourcenpolitik

Das Weltmarktpotential für die „´GreenTech´-Leitbranchen“ (Energieerzeugung/Energieeffizienz, Mobilität, Kreislaufwirtschaft, Wasserwirtschaft, Rohstoff-/Materialwirtschaft) werde auf 1.400 Mrd. Euro (2007) geschätzt. Bis 2020 – so die Prognosen - soll es auf mehr als das Doppelte (3.100 Mrd. Euro) ansteigen. Für Hennicke ist es „methodisch zweifelhaft und realitätsfern, diese zweifellos gigantischen Potentiale schon als sich selbst tragende autonome Marktentwicklung einzuschätzen“. Ohne eine „offensive politische Flankierung“ würden seiner Überzeugung nach diese Potentiale „wenig oder für Klima und Umwelt viel zu spät“ erschlossen. Zunächst müsse (zum Beispiel durch Internetportale, Informationsvermittlung, Kommunikation oder Netzwerke) „ein Mindestmaß an Markttransparenz als grundlegende Voraussetzung für funktionsfähigen Wettbewerb hergestellt werden“. Aber daraus allein ergäben sich „bei weitem noch keine ausreichenden Problemlöser und Impulsgeber“ für die Marktprozesse. Alles spreche für „innovative Interventions- und Anreizformen sowie Rahmensetzungen des Staates“, damit sich funktionsfähige Märkte und Wettbewerb erst in der Realität entwickeln können. Für eine integrierten Klimaschutz- und Ressourcenpolitik seien also „zielgerichtete Marktentwicklung, verstärkter Wettbewerb und mehr Selbststeuerung ermöglichende Aktivitäten der ´helfenden Hand´ staatlicher Ebenen“ gleichermaßen von Bedeutung.

Treiber einer ökologischen Industriepolitik

Die ökonomische Relevanz einer „nationalen ökologischen Industriepolitik“ könne durch die Analyse der Möglichkeiten für eine „forcierte Steigerung der Ressourceneffizienz“ am deutlichsten demonstriert werden:

Erste Schätzungen zu Einsparpotenzialen in ausgewählten Bereichen

Branche Materialeinsparpotenzial in Mrd. Euro pro Jahr
Herstellung von Metallerzeugnissen 0,8 - 1,5
Herstellung von Kunststoffwaren 1,0 - 2,0
Herstellung von Geräten der Elektrizitätserzeugung, -verteilung 1,5 - 3,0
Chemische Industrie (ohne Grundstoffindustrie) 1,8 - 3,4
Baugewerbe (Hochbau und Ausbaugewerbe) 0,2 - 1,2
Gesamt 5,3 - 11,1

Es ist daher „auf den ersten Blick erstaunlich“, dass in der betrieblichen Realität „vor allem über die Höhe und Entwicklung der Lohnkosten gestritten wird, obwohl eine Senkung der Materialkosten in ressourcenimportabhängigen Ländern wie Deutschland konfliktfreier und sozialverträglicher wäre, Innovationen unterstützen, die Vulnerabilität gegenüber externen Rohstoffpreisschüben verringern und generell die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen würde“. Für die Wirtschaft wirkten seit Jahrzehnten höhere Marktanreize in Richtung eines Strukturwandels und einer Form des technischen Fortschritts (Rationalisierungsinvestitionen), mit der „vorwiegend ´Menschen statt Tonnen und Kilowattstunden´ freigesetzt würden. Es stelle sich aus sozialen, aber auch aus ökologischen und ökonomischen Gründen die Frage, „wie ein Policy Mix der Ressourcenpolitik aussehen muss und wie dadurch der technische Fortschritt zukünftig verstärkt arbeitschaffend und ressourcenschonend gestaltet werden kann“.

Langfristige Konzepte stellten den Wandel zu einem „nachhaltigen Energiesystem“ in den Vordergrund. Das habe u. a. folgende Gründe: Zum einen sei man bei der Erarbeitung des strategischen Konzepts zur „umfassenden ökologischen Industrie- und Dienstleistungspolitik“ mit der Tatsache konfrontiert, dass der „Stofffluss einer Volkswirtschaft (…) im Vergleich zum Energiefluss quantitativ wesentlich umfangreicher, ungleich vielfältiger sowie in komplexer Weise verflochten“ ist. Zum anderen müsse man sich bei der Konzipierung einer ökologischen Industrie- und Dienstleistungspolitik, „die primär an der Steigerung der Ressourceneffizienz und der ökologischen Modernisierung des Angebots ansetzt“, auch mit der „Ökologisierung des Konsums“ beschäftigen. Hier bestehe aber noch ein erheblicher Forschungsbedarf.

Zentrale Bausteine einer Ressourcenpolitik

Ein „Impulsprogramm Materialeffizienz“ solle auf folgenden „drei Bausteinen“ basieren:

  1. Im Mittelpunkt müsse „die Institutionalisierung eines Ressourceneffizienzfonds“ stehen, „der als Intermediär zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft sowie als ´helfende Hand´ für Anreize, aber auch für die Konzipierung von Leitflanken für eine ökologische Industrie- und Dienstleistungspolitik fungiert“. Der „Ressourceneffizienzfonds“ soll unterstützende Programme und Aktivitäten für Unternehmen mit dem Ziel konzipieren, bündeln, koordinieren und evaluieren, „die vorhandenen umfangreichen Potentiale zur Ressourceneffizienzsteigerung in Produktionsprozessen und Produktentwicklung rascher umzusetzen und Hemmnisse abzubauen“.
  2. Ein spezielles „Innovationsprogramm Ressourceneffizienz“ soll Impulse geben für die Entwicklung neuer „von der ´Wiege bis zur Bahre´ besonders ressourceneffiziente Technologien, Materialien, Produkte, Dienstleistungen und Systemlösungen“ und deren Entwicklung fördern. Grundlegend dafür sei ein „ressourceneffizienzorientiertes Prozess- und Produktdesign“. Das Programm diene aber auch dazu, „die für eine zielgerichtete Markteinführung ressourceneffizienter Innovationen notwendige Beschaffung von Venture Capital zu erleichtern (z. B. durch einen revolvierenden Fonds, Bürgschaften, Zinszuschüsse)“.
  3. Mit „Ressourceneffizienzkampagnen“ sollten „Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Verbänden und Politik sowie in Ausbildung und Universitäten heranwachsende zukünftige Entscheidungsträger über das Thema ´Ressourceneffizienz´“ informiert werden. Neben der Information über die ökonomische, ökologische und soziale Relevanz der Ressourcenfrage sei auch „die Motivation zum Handeln und Umsetzen zentrales Ziel“.

Fazit

Die „grundlegende Abkehr vom heutigen Wachstumsmodell“ sei „für den reichen Norden ein Imperativ und für Entwicklungs- und Schwellenländer eine gewaltige Chance, einen eigenständigen und völlig neuen Entwicklungspfad zu entdecken“. Die Chancen eines „nachhaltigen Systemwechsels“ würden „im Schrumpfen von Risikomärkten“ und im Ausbau von solchen Märkten liegen, „die im Einklang mit menschlichem Wohlergehen und dem langfristigen Erhalt natürlicher Ressourcen stehen“.

Die Steigerung der Ressourceneffizienz sei „eine zentrale und in der Breite wirksame Strategie einer nationalen ökologischen Industrie- und Dienstleistungspolitk“ und der „Einstieg in eine ´Ökonomie des Vermeidens´ unnötiger Ressourcenverbräuche“. Sie biete „Win-Win-Chancen nicht nur für Umwelt und Arbeit, sondern auch eine ökonomische und geopolitische Krisenprävention“.

Das Wuppertal Paper (Nr. 183) von Prof. Dr. Peter Hennicke (Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie) zum „Ressourcen- und Klimaschutz. Ökologischer Imperativ und ökonomischer Megatrend?“ (53 S.) ist unter http://www.wupperinst.org/publikationen/entnd/index.html?beitrag_id=1427&bid=81 im Internet zu finden.

100.000 Menschen verdienen ihr Einkommen mit der Windkraft

Immer mehr Windkraftwerke erzeugen umweltfreundlich Strom. Mitte 2010 verfügte Deutschland über mehr als 21.300 Windkraftanlagen mit einer installierten Windkraft-Kapazität von 26.385 MW. In vier Bundesländern werden schon 40 Prozent des Stromes aus Windkraft gewonnen. Anlagenhersteller dieser Branche realisierten 2009 einen Jahresumsatz von 6,4 Mrd. Euro und hätten 75 Prozent ihrer Anlagen exportiert. In Deutschland seien 2009 rund 2,1 Mrd. Euro in neue Windkraftanlagen investiert worden. 100.000 Menschen verdienten „mit der Windkraft ihr Einkommen“, meldet der „Umweltruf“ des EUROPATICKERS (http://www.umweltruf.de/), unter Hinweis auf aktuelle Zahlen des Deutschen Windenergie-Institutes (DEWI).

Regionale Unterschiede

Im ersten Halbjahr 2010 seien in Rheinland-Pfalz 29 neue Windkraftanlagen errichtet worden, in den „auf die Atomindustrie fixierten“ Bundesländern Bayern und in Baden-Württemberg nur neun bzw. nur drei. Damit erzeugten in Rheinland-Pfalz insgesamt 1.051 Windkraftanlagen „atommüllfrei und CO2-arm“ Strom. In Bayern seien es nur 396 Anlagen und in Baden-Württemberg nur 363.

Durch den sehr langen, ungewöhnlich strengen Winter sei die Aufstellung zahlreicher Windräder auf später verschoben worden. Die „geplanten neuen Flächenausweisungen in Schleswig-Holstein, in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern und eine ´Landesregierung pro Wind´ in Nordrhein-Westfalen“ würden aber nach Überzeugung des Bundesverbandes WindEnergie „neuen Schwung für die Windenergie an Land bringen“. Weitere zusätzliche Impulse seien aus dem „Offshore-Geschäft“ zu erwarten: 2010 soll im Meer eine Windkraft-Kapazität von insgesamt 150 MW, 2011 von 300 bis 400 MW neu installiert werden.

Zum Wirtschaftsfaktor „Windkraft“

Die Deutschen investierten heute bereits „viel mehr Geld in Windkraft- und Solaranlagen als in Kohle-, Öl-, Gas- und Atomanlagen zusammen“. Strom aus Windkraft werde mit neun Cent je Kilowattstunde vergütet. Wichtig sei auch, dass erneuerbare Energien „dezentral gewonnen“ würden „überwiegend (…) von Klein- und Mittelbetrieben“. „Kohle- und „Atomstrom“ seien hingegen „die Domäne mächtiger Konzerne“.

Eine perspektivisch steigende Nachfrage nach Windenergieanlagen im In- und Ausland garantiere zukunftssichere Jobs in der deutschen Windindustrie. Die „Windindustrie“ könne bis 2030 allein in Deutschland ca. eine Millionen Menschen beschäftigen. Der Bedarf an neuen Arbeitskräften in den kommenden Jahren sei so hoch, dass es bereits Befürchtungen gebe, man könne dann nicht mehr ausreichend Fachkräfte rekrutieren (http://pressetext.de/news/100903002/arbeitskraeftemangel-blaest-windindustrie-entgegen/).

Der Anteil der deutschen Windenergieanlagen am weltweiten Umsatz solcher Anlagen liege heute bei 17,5 Prozent. Vorausschauende Konzepte und Maßnahmen des Bundes und der Länder müssten helfen, die „technologische Spitzenstellung“, über die Deutschland heute auf diesem Gebiet verfüge, „weiterhin aufrecht zu erhalten“.

Medien

Intensive Mediennutzung in Großbritannien

„Wir leben zunehmend unter einer medialen Glocke, die uns aus der unmittelbaren Um- und Mitwelt heraushebt, in der sich unsere Körper und die unserer Mitmenschen befinden.“ Das konstatiert Florian Rötzer im Internet-Magazin „TELEPOLIS“ (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33169/1.html). Man könne „möglicherweise (…) doch von einer Entfremdung dieser räumlichen Nahwirklichkeit sprechen, wenn die Menschen durchschnittlich bereits 45 Prozent ihrer gesamten Wachzeit an die Informations-, Unterhaltungs- und Kommunikationsmedien angekoppelt sind und sich so zumindest in zwei Räumen gleichzeitig aufhalten“. Oft seien sie dabei nicht einsam. Sie kommunizierten mit Handys und Internet „vermutlich mehr und länger als jemals zuvor“. Männer nutzten diese Medien durchschnittlich nur noch eine Stunde mehr als Frauen.

Multitasking

Noch immer liege das Fernsehen (mit 3,45 Stunden täglich) an der Spitze der Mediennutzung in Großbritannien, ergab eine Studie der britischen Medienaufsichtsbehörde Office of Communications (Ofcom; http://consumers.ofcom.org.uk/2010/08/tv-phones-and-internet-take-up-almost-half-our-waking-hours/). Dass der Fernsehkonsum nicht sinke, könnte sich daraus erklären, dass immer mehr Menschen Multitasking betreiben, d. h. mehrere Medien gleichzeitig nutzten. Wer gleichzeitig Musik höre oder E-Mails schreibe, könne 8,45 Stunden Mediennutzung in 7 Stunden zusammenpressen. Ein Fünftel der Briten nutzten mehrere Medien gleichzeitig, bei den 16- bis 24-Jährigen seien es bereits 29 Prozent. Sie komprimierten sogar 9,5 Stunden in 6,5 Stunden – „vorwiegend am Computer und mit dem Handy, wo sie für 67 Prozent der damit verbrachten Zeit kommunizieren, vor allem in den Sozialen Netzwerken wie Facebook.“

Smartphones immer wichtiger

Mehr und mehr Menschen nutzten die Möglichkeit, über das Internet fernzusehen. Überhaupt würden leistungsfähige Mobiltelefone immer wichtiger, deren Funktionsumfang um den eines tragbaren Computers ergänzt wurde (Smartphones). Mit ihnen könne man mobil auf das Internet zugreifen. Die Jüngeren informierten sich mit Hilfe Sozialer Netzwerke über ihre Freunde. Smartphones ersetzten zwar nicht das Fernsehen, „vermutlich aber teilweise den Computer, zumal Jüngere auf das Internet auch über ihre Spielkonsolen zugreifen“.

Elektronische „soziale Kontakte“

Die Hälfte der 35- bis 54-jährigen Briten nutze bereits Soziale Netzwerke. Bei den über 55-Jährigen seien es erst 20 Prozent. Facebook sei am populärsten „und verschlingt am meisten Zeit“. Ein Viertel der „Online-Zeit“ werde in Sozialen Netzwerken verbracht. Überhaupt sei „die Zeit vorbei, in der das Internet ein ´junges´ Medium war“. Die Älteren stellten die am schnellsten wachsende Gruppe der Internetnutzer dar. Über 14 Stunden würden erwachsene Briten im Internet verbringen. Aber auch SMS seien weiter attraktiv. 2009 sei die Rekordzahl von 104 Mrd. SMS versendet worden – 1.700 pro Kopf in einem Jahr.

Materialien

Zucker, Betty: Top Dreams

Wenn Manager träumen. Wien: Linde Verlag 2009, 136 S., 22,00 €, ISBN 978-3-7093-0275-0

Die Unternehmensberaterin Betty Zucker denkt gerne „vor“ und „quer“. Fleißig hinterfragt sie Fakten und Strukturen, Zustände und Befindlichkeiten. Da konnte es auch kaum ausbleiben, dass sie - „eher aus Neugierde“ - wissen wollte, was Manager träumen - und ob sie überhaupt träumen. Sie begann, gute Bekannte und Kunden „aus dem Top-Management“ danach zu befragen. Viele ihrer Gesprächspartner hätten sie erstaunlich offen in ihre Traumwelten mitgenommen. „Als ich begann, auf der Serviette Notizen zu machen, wurde mir klar: Das wird ein Buch.“

Die „Einsichten ins Biotop einer führenden Schicht unserer Gesellschaft“, die sie bei mehr als vierzig „Traum“-Gesprächen in der Schweiz und in Deutschland gewann, hat Betty Zucker dann gestützt auf langjährige eigene Erfahrungen mit Unternehmen und Unternehmern eingehender analysiert. Und nun lässt sie auch die Leser dieses Buches an diesen Beobachtungen und Überlegungen teilhaben. Die Autorin, heute anerkannte Expertin im „Change- und Knowledge-Management sowie in der Führung von Familienunternehmen“, suchte und fand immer wieder Tätigkeitsfelder, in denen sie Ökonomie und Psychologie miteinander verbinden konnte. Seit über zwanzig Jahren beobachtet und berät sie das Top-Management verschiedenster Branchen, und wirkte zehn Jahre in der Geschäftsleitung des Gottlieb-Duttweiler-Instituts mit, dem sie auch weiter verbunden ist. Seit 1999 begleitet ihre Firma, die Betty Zucker & Co., Zürich (www.bettyzucker.ch), die Veränderungsprozesse in Unternehmen und im politischen Bereich.

Managerträume unterscheiden sich kaum

Es hat die Autorin schon ziemlich überrascht, dass die Menschen „an den Hebeln der Macht und der Mittel“ kaum andere Sehnsüchte, Wünsche und Träume haben als ihre Mitarbeiter: Geträumt werde von schnellen Autos, von der Jacht und der Villa am See, von Ruhe und Einkehr im Kloster, von einer Weltreise mit dem Sohn. Die „Traumsammlung“, die den Ausgangspunkt der weiteren Betrachtungen bildet, findet sich am Ende des Buches.

Zum Verzicht vieler Top-Manager „auf große Träume“ oder Träume überhaupt („… für einen Traum bleibt kein Raum“) entwickelt Betty Zucker fünf Hypothesen:

Erstens: „Der lange Weg durch die Institutionen nach oben scheint einen Verlust von Idealen und Illusionen – und der Fähigkeit und des Willens zu träumen – mit sich zu bringen.“

Zweitens: „Die Praxis zehrt, der Tag hat vierundzwanzig Stunden, und wenn sie nicht reichen, gibt’s ja noch die Nacht. (…) Dem Seelenflämmchen fehlt der Sauerstoff (…). Und wenn das Seelenflämmchen nicht brennt, geht auch den Traumfantasien der Sauerstoff aus.“

Drittens: „Die Ehe, die Familie, der Arbeitsplatz, der Beruf, ja selbst die eigene Identität ist nicht mehr, was sie mal war. (…) In so flüchtigen Strukturen versprechen die großen Träume über die Gestaltung der Zukunft Enttäuschung.“

Viertens: „Kann ein Mensch mehr wollen, als eine erfolgreiche Laufbahn und das Glück, im Hier und Jetzt aufzugehen? Ich frage bloß. (…) Der Manager, der sich dem Luxus des Hier und Jetzt hingibt, legt über seine Vergangenheit keine Rechenschaft ab und nimmt seine Verantwortung für die Zukunft nicht wahr. Er mag ein guter Steuermann sein, der von Augenblick zu Augenblick das Richtige tut, aber ein Kapitän ist er nicht.“

Fünftens: „´Nicht träumen – aufpassen!´ , hörten wir schon in der Schule. (…) Die Lektion haben wir begriffen. Träumen widerspricht dem Selbstbild des aufgeklärten, rationalen Managers und der klassischen Betriebswirtschaftslehre. (…) Wer cool seine Laufbahn schmiedet und Businesspläne in Taten umsetzt, legt seine Gefühle und Sehnsüchte zumindest zeitweise ins Koma.“

Die Last der Träume

Kritisch bewertet die Autorin auch, was sich viele „Menschen jenseits der Kommandobrücke“ von den Managern erträumen, ihre „Sehnsucht nach dem Super Mario“, nach der „Rettung von oben“. Schon sehnten sich viele wieder nach „heldenmütigen Spitzenmanagern“, die zu den von vielen als „Spirale im Wahnsinn“ empfundenen „Besser-Schneller-Billiger“ auch einmal „Nein“ sagen können, oder „Nein“ zum „Alles ist nicht genug“, „Nein“ zur „globalisierten Quartalspanik“ oder zur „Vierjahres-Wahlpanik“. Solche Träume bürdeten dem Hoffnungsträger meist „eine schier unzumutbare Last“ auf. Er allein soll es auf seiner Kommandobrücke richten, „während Passagiere und Mannschaft betend die Hände erheben, bevor das Schiff an den Klippen zerschellt“.

Im amerikanischen Wahlkampf hätten die Medien mit ihren Lobeshymnen auf Barack Obama ein ganzes „Vademecum über den perfekten Manager“ zusammengetragen, das ideale Spitzenmanager als Pragmatiker, Problemlöser und „Macher“ beschreibt, die vertraut seien mit dem Alltag derer, die von ihnen abhängig sind. Sie sollten Hoffnung und Selbstvertrauen vermitteln und den Charakter haben, „einmal mehr zu führen“. Politiker und Manager der Zukunft müssten sich nicht zwangsläufig „als Widersacher des freien Individuums gebärden“. Sie könnten sich stattdessen „als väterlicher Freund und Helfer anbieten – und uns Träume offerieren, die es sich zu träumen lohnt“.

Realistische Träume für Führungskräfte

In Führungspositionen brauche man „realistische“ Träume, so eine der Hauptaussagen des Buches. Die großen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte sind letztlich alle aus Träumen, Wünschen und Visionen entstanden. „Die Träumer, die wir meinen“, schreibt Betty Zucker, „blicken über den Horizont hinaus, testen und überwinden bestehende Grenzen. Das gibt ihnen die innovative Kraft – und innere Stabilität. Und diese wiederum ermöglichen eine einigermaßen ruhige Hand am Steuer, wenn die Wogen hoch und höher gehen und der Wind eisig wird. Träumer lassen sich kaum behindern, weder von Widerständen noch von Angst, noch von ihren eigenen Handicaps. Sie wissen, dass Stürme vorüberziehen und das dahinter größere Verheißungen warten: Neuland, Freiheit, Erkenntnis und neue Erfahrungen.“ Auch gehöre es zu den „vornehmsten Management-Aufgaben“, die „Wachtraum-Qualitäten“ der jungen Mitarbeiter zu erkennen und zu fördern, „gleichsam um in ihnen wiedergeboren zu werden, bevor ein Mitbewerber es tut – oder diese selbst ihre Träume realisieren“.

„Träume“, so mahnt die Autorin, „lassen sich nicht in der Agenda als Tagesordnungspunkt terminieren. Sie sind eine Art Gegengift gegen die Versuchung, Probleme zu verwalten, wo Lösungen zu finden sind. Träume hat man geschehen zu lassen. Träumen ist die Königsdisziplin in den Teppichetagen. Alle Top-Manager sollten sie sich leisten, wenn ihnen die Gesundheit und der Erhalt des gesunden Menschenverstandes im Unternehmen etwas bedeuten. Pflicht hingegen sind Traumzeiten für jene ganz weit oben, für die Spitzenmanager, auf deren Stufe die Verwaltung der Probleme nicht mehr ausreicht, um Erfolg zu haben.“

Bedeutung von Träumen

Wer sich auf einen gedanklichen Dialog mit der Autorin und den von ihr bemühten Philosophen, visionären Literaten und Unternehmern einlässt, der dürfte alsbald selbst über die Wichtigkeit von Visionen und lohnende Träume nachsinnen, aber auch über Konsequenzen, die dem Management daraus erwachsen und über mögliche „Nebenwirkungen“ für die Gesellschaft. Ebenso anregend dürften die Überlegungen der Autorin darüber seien, auf welche Weise Manager der „organisierten Traumlosigkeit“ und dem recht verbreiteten „Perspektivendefizit“ entkommen und gegensteuern können. Hier erfährt der Leser mehr über das „Recht auf Faulheit“ (oder „salonfähiger ausgedrückt“ auf Muße) und auch darüber, warum ein Manager hellwach sein muss für die „Träume Dritter“ und diese „auf Lösungen hin mitträumen“ sollte. Wenn Manager („im Zeitalter der angeblich selbstlosen Teams“) das Träumen allerdings nur jungen Kreativen anvertrauen, so sei das natürlich mit gewissen Konsequenzen verbunden, die im Buch aufgezeigt werden.

Betty Zucker gibt eine ganze Reihe von „Traumanstößen“ und ermuntert dazu, Menschheitsträume zu Managementzielen werden zu lassen. Denn: „Die Lösungen für viele Probleme unserer Welt verlangen geistige Quantensprünge, ein Denken in neuen Kategorien, in neuen Paradigmen. Sie setzen Einfälle voraus, die sich nicht nur aus dem Bisherigen ableiten lassen, sondern die einem eben nur beim Wachträumen einfallen, so wie man beim Promenieren über ein Hufeisen stolpert und einem ein Licht aufgeht. Es sind Einfälle, die von außen kommen, die wie Blitze die Szene erhellen und ihre Spannung entladen.“

Welche Rolle können dabei innovative Unternehmungen mit nichtkommerziellen Ansatz, Non-Profit-Unternehmen, Sozialunternehmen und Stiftungen, Genossenschaften, das Zusammenwirken mehrerer Partner, aber auch die Familienunternehmen und „klassische Privatbankiers“ spielen, die mit ihrem Privatvermögen haften? fragt die Autorin sich und uns. Ihr letzter „Traumanstoß“ lautet: „Fangen Sie an.“ Suchen wir also mit ihr solche Zukunftsbilder und Visionen, „die gegenüber dem wechselnden Wirtschaftswohlbefinden widerstandsfähiger sind, die Gemüter und Seelen ansprechen und Zuversicht und Kraft verleihen“.


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